Interview mit dem MPG-Präsident: "Gute Forschungslandschaft sorgt für mehr Steuern"

Interview mit dem MPG-Präsident : "Gute Forschungslandschaft sorgt für mehr Steuern"

Die Max-Planck-Gesellschaft ist Deutschlands wichtigste Forschungsinstitution. Ihr Präsident Peter Gruss spricht vor der Jahrestagung in Düsseldorf über Frauen in der Wissenschaft, das neue Institut in Mülheim und den Kampf gegen die internationale Konkurrenz.

In Deutschland gab es mehrere Plagiatsfälle bei Doktortiteln. Gefährdet das den Ruf der Wissenschaft?

Gruss Für das Ansehen der Wissenschaft waren die Plagiatsfälle sicher nicht hilfreich. Wissenschaftler, die fälschen, müssen sanktioniert werden. Viele Fälle sind erst durch eine verbesserte Software offenkundig geworden. Das begrüße ich sehr, denn diese schnelle Überprüfungsmöglichkeit wirkt sicherlich auf potentielle Fälscher abschreckend.

Wie gehen Sie mit dem Problem um?

Gruss Als Max-Planck-Gesellschaft dürfen wir keine Promotionen vergeben. Plagiate gibt es aber nicht nur bei Doktorarbeiten. Im Einzelfall kann es vorkommen, dass beispielsweise Daten im Labor gefälscht werden. Auf dem Niveau auf dem die MPG Wissenschaft betreibt, werden Fälschungen oder Plagiate aber in der Regel schnell durch andere Arbeitsgruppen aufgedeckt, die an ähnlichen Fragestellungen arbeiten. Trotzdem kann man Einzelfälle nicht ausschließen. Entsprechend unserer Regelungen bei wissenschaftlichen Fehlverhalten greifen bei Verdachtsfällen unsere Prozesse. Natürlich gehen wir hart vor, wenn sich der Verdacht bestätigt, denn es geht um die Wissenschaft im Allgemeinen und den Ruf der Max-Planck-Gesellschaft im Besonderen.

Wenn Sie am Donnerstag Bundesforschungsministerin Annette Schavan treffen, werden Sie sie auf die Plagiatsvorwürfe ansprechen?

Gruss Ich beteilige mich nicht an Vorverurteilungen und werde warten, bis die Kommission der Universität Düsseldorf nach sorgfältiger Analyse zu einem Ergebnis gekommen ist. Frau Schavan hat ja selbst darum gebeten, dass ihre Arbeit intensiv geprüft wird.

Warum hat die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut in Luxemburg gegründet?

Gruss Der Standort Luxemburg ermöglicht eine enge Verknüpfung der Forschung mit dem Europäischen Gerichtshof. Es soll dort um Fragen des europäischen Verfahrensrechts, des Prozessrechtes und - ganz aktuell - um die Regulierung der Finanzmärkte gehen. Wir wollen den Schulterschluss mit dem EuGH, nicht zuletzt um die Praxisrelevanz unserer Ergebnisse zu verifizieren.

Wie funktioniert das?

Gruss Wir sind sehr dankbar, dass das Großherzogtum Luxemburg die Kosten für den Bau und den laufenden Betrieb des Instituts übernimmt. Wir gründen nur in begründeten Ausnahmefällen Institute im Ausland und nur, wenn das Sitzland den überwiegenden Anteil der Struktur finanziert.

Wäre es nicht einfacher nur in Deutschland zu bleiben?

Gruss Weltprobleme wie Klimawandel, Energieversorgung, Bekämpfung von Seuchen oder Hungersnöten lassen sich nur global lösen. Als Max-Planck-Gesellschaft kooperieren wir deshalb mit Kolleginnen und Kollegen in aller Welt. Gleichzeitig müssen wir uns der internationalen Konkurrenz stellen, sonst können wir den Wettkampf um die besten Köpfe nicht gewinnen. Als einzige europäische Institution gehört die Max-Planck-Gesellschaft zur absoluten Spitzengruppe, misst man die international renommierten Veröffentlichungen mit dem größten Einfluss. Um dieses Niveau zu halten, müssen wir dort forschen, wo wir die für das jeweilige Forschungsthema besten Bedingungen vorfinden, wie zum Beispiel in Luxemburg die Nähe zum EuGH, andernorts sind es oft Infrastrukturen. Ganz wesentlich ist vor Ort zu sein, wo wir herausragende Wissenschaftler gewinnen können, die jederzeit zur Max-Planck-Gesellschaft kommen wollen, aber vielleicht nicht nach Deutschland umziehen würden, wie unser Institut in Florida zeigt.

Ein Drittel Ihrer Direktoren stammt mittlerweile aus dem Ausland.

Gruss Ja, das stimmt. Bei den Doktoranden sind es sogar etwa die Hälfte, bei den Postdocs haben über neunzig Prozent einen ausländischen Pass. Diese Internationalisierung, die besten aus aller Welt für unsere Institute zu gewinnen, ist nötig, wenn man Spitzenforschung abliefern will. Wir tun auch einiges dafür, dass die Marke "Max-Planck-Gesellschaft" international bekannt ist.

Wie deutsch ist die Max-Planck-Gesellschaft noch?

Gruss Von unseren 80 Instituten befinden sich fünf im Ausland und wir haben nicht die Absicht, daran in Zukunft viel zu ändern. Vereinssitz der Max-Planck-Gesellschaft ist Berlin. Die zentrale Verwaltung arbeitet in München. Die Max-Planck-Gesellschaft ist damit eine deutsche Forschungsorganisation, die von jeher engste Kontakte zu den weltweit besten Wissenschaftlern pflegte. Nur so lassen sich globale Probleme erfolgreich lösen.

Kommt Konkurrenz neuerding auch aus Asien?

Gruss Ja, asiatische Länder wie beispielsweise China sind gerade dabei in vielen Forschungsbereichen die USA und Europa zu überholen. In China entstehen zwar viele wissenschaftliche Veröffentlichungen, aber die Qualität ist noch nicht so gut.

Investieren asiatische Länder nicht vor allem in angewandte Forschung?

Gruss Oft ja, aber auch hier ist ein Wandel feststellbar, wie man am Beispiel Südkorea sieht. Die Südkoreaner haben festgestellt, dass sie mit einer überwiegend anwendungsorientierten Forschung mittelfristig keine höheren Gewinne auf dem Weltmarkt erzielen können und fördern deshalb mehr Grundlagenforschung. Übrigens zum Teil in Strukturen nach dem Modell der Max-Planck-Gesellschaft.

Ist Europa stark genug für die Konkurrenz?

Gruss Wir tun sehr viel dazu, Europa als einheitlichen Forschungsraum weiter zu entwickeln. Und da gibt es noch einiges zu tun. Derzeit haben wir in Europa eine Zweiteilung: vorn liegen Deutschland, England und die skandinavischen Ländern. In den südlichen Ländern oder in Osteuropa ist die Leistungsspitze in der Forschung hingegen oft noch sehr schmal. Es ist in unserem strategischen Interesse, dieses Potenzial zu heben. Das tun wir verstärkt mit Kooperationen.

Strategie, Gewinne? Das klingt wenig nach Wissenschaft, mehr nach den Worten eines Wirtschaftsmanagers?

Gruss Da gibt es viele Parallelen. Eine gute Forschungslandschaft sorgt heute auch für höhere Steuereinnahmen. Und Geld spielt natürlich eine Rolle. Es wäre in Deutschland ein grober Fehler, wenn wir das kleine Pflänzchen, das durch die Exzellenzinitiative und den Pakt für Forschung und Innovation entstehen konnte, jetzt wieder zerstören würden.

Pflänzchen? Ist das nicht eher schon eine Pflanze?

Gruss Nein, ein Pflänzchen. Ich warne vor der Geisteshaltung, Deutschland habe jetzt erst einmal genug in seine Universitäten und Forschungsinstitutionen investiert. Es war eine richtige und wichtige Entscheidung der Bundesregierung, mehr Geld in Bildung und Forschung zu stecken. Aber die bisherigen Programme haben uns einen Schub gegeben, nicht mehr. Wenn wir international dauerhaft konkurrenzfähig sein wollen, darf die entstandene Dynamik nach 2015 nicht abgebremst werden. Es ist ganz einfach: Wenn wir nicht mehr die besten Forscher haben, wird Deutschland seine Position international nicht behaupten können. Und die gehen dahin, wo sie herausragende Kollegen finden und die besten Arbeitsbedingungen.

Bundeskanzlerin Merkel hat die Energiewende als wichtigste Aufgabe beschrieben. Sehen Sie das auch so?

Gruss Das ist ohne Zweifel richtig. Wir müssen aber gleichzeitig unsere Klimaziele im Auge behalten. Wenn wir akzeptieren, dass die Atmosphärentemperatur nicht um mehr als zwei Grad steigt darf, müssen wir konsequent die Energieformen fördern, die kein Kohlendioxid emittieren. Ich will aber nicht zurück zur Atomkraft.

Auch eine Aufgabe für die Max-Planck-Gesellschaft?

Gruss Aber sicher. Wir forschen an über einem Dutzend unserer Institute im Bereich der Energie. In Mülheim a.d. Ruhr bauen wir das Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion auf, neben dem bestehenden Institut für Kohlenforschung. Es geht darum, wie wir elektrische Energie sinnvoll speichern können, beispielsweise durch die Erzeugung von Wasserstoff oder Methanol. Im Labormaßstab funktioniert das schon, aber auf industrieller Ebene noch nicht.

Ist das der entscheidende Punkt für das Gelingen der Energiewende?

Gruss Nicht nur. Wir haben bisher die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ohne den Verbraucher. Wir müssen die Bevölkerung mit den wahren Kosten der Energiewende konfrontieren. Was uns fehlt, ist eine wissenschaftlich fundierte Aufstellung über die entstehenden Kosten, sowohl für die Gesellschaft als auch für den einzelnen Verbraucher. Es gebietet die Fairness, dass wir das den Menschen endlich mitteilen, was nicht heißt, dass wir die Energiewende rückgängig machen.

Die Perspektive für Wissenschaftlerinnen ist ähnlich schlecht wie die für Frauen in der Wirtschaft. Auf den Top-Positionen sitzen Männer.

Gruss Das stimmt, auch, wenn die Max-Planck-Gesellschaft von den großen Forschungsinstitutionen in Deutschland noch am besten dasteht. Wir müssen aber selbstkritisch feststellen, dass wir auf der höchsten wissenschaftlichen Ebene, bei den Direktoren zu wenige Frauen haben. Wir werden den Frauenanteil deshalb künftig in jedem Jahr um einen Prozentpunkt erhöhen. Das mag zunächst wenig klingen. Tatsächlich haben wir uns aber verpflichtet, von den 70 Direktorenposten, die in den nächsten vier bis fünf Jahren besetzt werden, mindestens 20 an Frauen zu vergeben. Eine Ebene darunter, bei den W2-Professuren sollen etwa 45 Prozent der neu zu besetzenden Stellen an Frauen gehen.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat sich eine Frauenquote erlassen?

Gruss Nein, das lehne ich ab. Das wichtigste Kriterium für die Stellenbesetzung bleibt die fachliche Qualifikation. Wenn wir nicht an unserem Exzellenz-Anspruch festhalten, wird es die Max-Planck-Gesellschaft bald nicht mehr geben. Aber wir haben durch die Selbstverpflichtung intern einen hohen Druck aufgebaut, dass Berufungskommissionen den Markt nach qualifizierten Frauen sehr genau durchsuchen.

Ist das so schwierig?

Gruss Selbst in den USA, wo Frauen an den Spitzenforschungseinrichtungen schon lange deutlich besser gefördert werden als in Deutschland, liegt die Frauenquote trotz aller Anstrengungen für Top-Positionen nur bei etwa 30 Prozent. Offenbar ist die Lebensplanungen von Frauen anders.

Theorie ist das eine, wie helfen sie bei der Doppelbelastung Familie und Forschung im Alltag?

Gruss Wir haben uns beispielsweise an allen größeren Standorten von Max-Planck-Instituten in Kindergärten eingekauft, damit die Betreuung sicher gestellt ist. Dafür bekommen die Institute Extra-Gelder.

Es gab Anfang des Jahres eine weltweite Diskussion, ob die Forschungsergebnisse zu einem gefährlichen Mutation des Vogelgrippe-Virus veröffentlich werden sollen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Gruss Ich habe das mit großem Interesse verfolgt und halte es für richtig und wichtig, wenn daran geforscht wird, welche Veränderungen am Vogelgrippe-Virus seine Gefährlichkeit oder sein Ansteckungspotential erhöhen. Das wird uns helfen, Abwehrmaßnahmen zu finden, wenn solche Viren in der Natur gebildet werden. Natürlich muss man Sorge haben, dass man damit unerwünschte Nachahmer einlädt.

Also sollen die Forscher größtmögliche Freiheit haben?

Gruss Wissen entwickelt sich immer weiter, da sind Grenzen schwer zu ziehen. Selbstverständlich muss Forschung aber da aufhören, wo ethische Grenzen verletzt werden. Aber am Ende wissen die Wissenschaftler am besten, welche Gefährdungen von ihrer Forschung ausgehen können. Bei uns wäre ein solches Thema von der Ethik-Kommission geprüft worden, die eigens für solche Fälle ins Leben gerufen wurde. Ich halte die getroffene Entscheidung, einige Passagen vor der Veröffentlichung zu streichen, aber für richtig.

Rainer Kurlemann führte das Gespräch.

(RP/felt/sap)