Die zweite Kugel traf John F. Kennedy im Nacken

Dallas : Die zweite Kugel traf Kennedy im Nacken

In Dallas erinnern sich Zeitzeugen an den Tag des Attentats. 50 Jahre danach blühen immer noch die Komplott-Theorien.

Angefangen hat es am Flughafen Love Field, wo sich die Regenwolken des Morgens verzogen und ein Pulk von Schaulustigen auf das Glamourpaar der amerikanischen Politik wartete. Auf John und Jacqueline Kennedy, Jack und Jackie, wie Bill Newman sie nennt. "Wir waren spät dran", erinnert er sich. Den zweijährigen Clayton auf dem Arm, konnte er sich durchdrängeln bis zur Absperrung. Seine Frau Gayle, mit Billy (3) huckepack, stand drei Reihen dahinter. Kurz darauf saßen die Newmans wieder im Auto, Bill parkte den Wagen hinterm School Book Depository, dem Schulbuchlager, dann eilten sie zur Main Street, zur Geschäftsmagistrale von Dallas. Weil das Jubelspalier dort zu kompakt war, liefen sie heraus aus dem Zentrum auf eine Eisenbahnbrücke zu, wo sich die Menge zu lichten begann.

So kam es, dass sie genau an der Stelle standen, an der die Schüsse fielen, direkt an der Bürgersteigkante, im Rücken ein grasbewachsenes Hügelchen, Grassy Knoll. Als Panik ausbrach, warfen sich Bill und Gayle Newman schützend über ihre Söhne. Es war ein Bild, das um die Welt ging. Die ersten beiden Kugeln hatte Bill noch für Silvesterknaller gehalten. Erst bei der dritten, der tödlichen, begriff er, dass es kein Scherz sein konnte. Er sah Fetzen durch die Luft fliegen, etwas Undefinierbares, und die First Lady in ihrem rosafarbenen Kostüm aus dem Fond nach hinten klettern — erst später erfuhr er, dass sie Fragmente vom Schädel ihres Mannes einzusammeln versuchte. "Mein Gott, sie haben Jack erschossen!", hörte er sie schreien. Dann stießen Bill und Gayle ihre Söhne ins Gras und legten sich flach. Merkwürdig fand die Mutter, dass Fotografen auf sie zustürzten: "Ich dachte, was für Idioten! Kapieren die nicht, dass wir alle Zielscheiben sind?"

Es ist nicht das erste Mal, dass die Newmans vom Kennedy-Mord erzählen. Doch erstmals tun sie es im Quartett, wobei sich Billy und Clayton eigentlich nur daran erinnern, dass sie zu klein waren, um sich erinnern zu können. Ein bisschen verlegen sitzen die vier im matt beleuchteten Saal des Sixth Floor Museum, das Zeitzeugen gebeten hat, Revue passieren zu lassen, was sie vor 50 Jahren erlebten. Bill war Elektriker, Gayle half ihm bei der Buchhaltung, um den Hals trägt sie drei dicke, goldglänzende Ketten. Kleine Leute, konservatives Texas. Nur weiß man eben auch, dass solche Leute keine Märchen erzählen.

Die Zuhörer hängen förmlich an ihren Lippen, bis irgendwer fragt, wann das Kapitel endlich abgehakt wird. Ein Phänomen ist es schon. Es ist alles gesagt, seit fünf Dekaden wird der Fall aus allen Perspektiven beleuchtet. Dallas, 22. November 1963, damit verbindet sich ein nationales Trauma. Es ist ein Tag, an dem jeder genau weiß, wo er war, als es geschah.

Julian Read saß mittendrin im Konvoi, im Pressebus. 1963 war er Sprecher des texanischen Gouverneurs, und wenn einer jedes Detail der präsidialen Reise nach Texas schildern kann, dann ist es Read. Dallas, blendet er zurück, galt als heikles Pflaster. Rechte Hardliner verdächtigten Kennedy, mit Moskau zu sympathisieren. Die Vereinten Nationen verunglimpften sie als kommunistisch unterwanderten Club, weshalb sie den Austritt der USA verlangten. Am 24. Oktober 1963 war Adlai Stevenson, Amerikas UN-Botschafter, von einer wütenden Demonstrantin mit der Stange eines Posters geschlagen worden. "Nut country", das Land der Verrückten, wie es Kennedy nannte. Nun, der Mann habe eben auch Geld sammeln wollen, erzählt Read, Spenden für den nächsten Wahlkampf, "Dollars harken auf den Wiesen reicher Texaner". Von San Antonio ging es über Houston und Fort Worth nach Dallas, ehe Austin den Schlusspunkt setzen sollte. Wäre Kennedy nur gleich nach Austin geflogen! Wäre am Morgen nur die Sonne nicht durch die Wolken gebrochen! Hätte es nur weiter genieselt! Die Personenschützer hätten ein Plastikdach über die offene Staatskarosse gespannt, der Angreifer hätte schlechter zielen können.

Über dieser Geschichte im ewigen Konjunktiv schwebt der anhaltende Zweifel, dass ein einzelner Schütze in der Lage gewesen sein soll, dreimal in Folge auf den Präsidenten zu feuern. "Drei Präzisionsschüsse in nur 8,4 Sekunden? Mit einem Gewehr von 1940? Von dort oben? Das glaubt doch kein Mensch", sagt John Rollins, ein Möbeltischler, der die Elm Street inspiziert wie einen Tatort, an dem etwas vertuscht werden soll. "Oswald war nur der Sündenbock, dabei bleibe ich."

Lee Harvey Oswald, der bei der Marineinfanterie zum Scharfschützen ausgebildet wurde, in der Sowjetunion Asyl suchte und in Minsk Marina Prusakowa heiratete, bevor er in die USA zurückkehrte, wo die Ehe in die Brüche ging, dieser verbitterte Mann hatte sich im sechsten Stock des Schulbuchlagers verschanzt. Die Etage wurde renoviert, hinter Bücherkisten fand er ein ideales Versteck. Seine Waffe, eine italienische Mannlicher-Carcano mit Zielfernrohr, hatte er per Katalog bestellt. Eine Sonderkommission, geleitet von Earl Warren, Chef des Obersten Gerichts, erklärte die Einzeltäterthese 1964 zur einzig plausiblen: Drei Kugeln seien abgefeuert worden, alle von Oswald. Die erste verfehlte ihr Ziel. Die zweite traf JFK im Nacken, trat in Höhe des Krawattenknotens wieder aus und verletzte Gouverneur Connally. Die dritte ließ seinen Kopf explodieren.

Egal, an der Börse der Komplotte spekuliert man munter weiter. Nur hatte auch Bill Newman damals den Eindruck, als sei die tödliche Kugel über den Grassy Knoll geflogen, von der Seite auf die Staatslimousine zu, nicht schräg von hinten, wo Oswald am Eckfenster stand. Während die Verschwörungstheoretiker felsenfest auf ihren Thesen beharren, räumt Newman ein, dass er sich getäuscht haben kann.

Ronald C. Jones ist Chirurg und spezialisiert auf die Behandlung von Schusswunden, das war er bereits damals, erst 31 und doch schon ein Fachmann im Parkland Hospital. Jones wurde alarmiert und rannte in die Notaufnahme, Raum eins, wo Kennedy bereits auf dem Bett lag. Ein Kollege entschied sich für einen Luftröhrenschnitt. Nach fünf, sechs Minuten, so Jones, sei allen klar gewesen, dass es keinen Zweck hatte. Wie es der Zufall so wollte, lag 48 Stunden später Oswald auf Jones' Tisch, nachdem der Stripclubbesitzer Jack Ruby auf der Polizeiwache auf ihn geschossen hatte. Dieselben Handgriffe. "Das Resultat war das gleiche", sagt der Arzt.

Jones ist ein solider Zeuge, einer, der strikt bei seinem trockenen Medizinerduktus bleibt. Bis in makabre Einzelheiten korrigiert er, was Hollywood manchmal aus dem vergeblichen Ringen um Kennedys Leben macht. In "Parkland", dem neuesten Film, sind die Ärztekittel über und über mit Blut verschmiert. "Nicht korrekt. Der Patient war schon so gut wie tot, als er hereingeschoben wurde. Sein Körper konnte kein Blut mehr pumpen." Wer sich die First Lady als aufgelöstes Nervenbündel vorstellt, dem hat Ronald C. Jones eigene, wahre Beobachtungen entgegenzustellen. Jackie Kennedy habe bewundernswert Haltung bewahrt, weder geschrien noch geweint. "Mein Eindruck war, sie wusste immer, dass es passieren konnte. Sie war darauf vorbereitet."

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(RP)
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