Keime in der Landwirtschaft: Das Antibiotika-Problem im Stall

Keime in der Landwirtschaft : Das Antibiotika-Problem im Stall

Gemeinsam mit den Tieren züchten viele Landwirte auch gefährliche Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind. Führende Tiermediziner schlagen Alarm: Es sei höchste Zeit, etwas gegen den verschwenderischen Einsatz von Antibiotika zu tun – zum Beispiel: Landwirte besser schulen.

Gemeinsam mit den Tieren züchten viele Landwirte auch gefährliche Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind. Führende Tiermediziner schlagen Alarm: Es sei höchste Zeit, etwas gegen den verschwenderischen Einsatz von Antibiotika zu tun — zum Beispiel: Landwirte besser schulen.

Es macht Sinn, die Feinheiten der neuen Studie zum gefährlichen MRSA-Keim in der Tierhaltung zu lesen, bevor man sich empört. In bis zu 60 Prozent der konventionellen Schweinehaltungen wurde der Keim MRSA gefunden, berichtet die Tierärztliche Hochschule Hannover.

In ökologisch bewirtschafteten Betrieben war nur ein Viertel der Ställe befallen. MRSA — dieses Kürzel kennen wir vor allem von der oft tödlichen Infektion im Krankenhaus, weil der Erreger auf kein Antibiotikum reagiert. Doch die im Schweinestall gefundenen Keime gehören zwar zur gleichen Familie, sind aber für den Menschen offenbar ungefährlich.

"Wir müssen davon ausgehen, dass diese Keime schon seit Jahren vorhanden sind", sagt Thomas Blaha, Professor an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, einer der führenden Autoren der Studie, "aber es ist kein einziger Fall bekannt, wo Menschen die damit täglich umgehen, daran erkrankt sind." Zudem sterben die Keime beim Erhitzen des Fleisches vollständig ab. Dennoch ist der Befund dramatisch, denn er bedeutet, dass sich Antibiotika resistente Bakterien immer weiter ausbreiten.

Bewegliche Erreger

Die Uni-Klinik Münster verwies bereits darauf, dass auch EHEC-Keime in Tierställen zunehmend widerstandsfähig gegen Antibiotika werden. Und Thomas Blaha richtet sein Augenmerk auf den dritten der vielfach in Ställen vorkommenden Erreger: ESBL. "Das wird unser nächstes Problem", sagt er, "denn er kann leicht die Antibiotika-Resistenz übertragen".

Wie beweglich diese Erreger sind, zeigt wiederum die aktuelle Studie. Nach Angaben des Bundesministeriums für Verbraucherschutz kommen die Bakterien "grundsätzlich auch in der Stallluft vor", wenn der Nutztierbestand MRSA-positiv ist. Aus den Ställen gelangten sie in die Umgebung. Allerdings seien sie nur vereinzelt in der Luft nachgewiesen worden. Am Boden waren die MRSA-Keime aber noch 500 Meter entfernt nachweisbar.

Es gibt also nur ein Rezept: den Einsatz von Antibiotika verringern. Und deshalb empört sich auch Thomas Blaha: "In nur 20 Prozent der Betriebe wird 80 Prozent der Menge an Antibiotika verabreicht", berichtet er von seinen jüngsten Ergebnissen. Er plädiert dafür, die schwarzen Schafe der Branche direkt anzusprechen. "Es gibt eine wichtige Aufgabe: Wir müssen diese Landwirte identifizieren und mit ihnen arbeiten, damit sie weniger Antibiotika einsetzen", sagte er unserer Zeitung. Dabei sei nicht die Betriebsgröße für den Einsatz von Antibiotika ausschlaggebend, sondern "die Professionalität der Betriebsführung und der tierärztlichen Betreuung sind entscheidend".

Billige Tierhaltung durch Antibiotika

Für Blaha gibt es einen einfachen Grund, warum manche Landwirte im großen Maße auf Antibiotika setzen: die Kosten. Durch die günstigen Preise für Antibiotika käme es billiger, kranke Tiere mit Medikamenten aufzupäppeln statt gute Konzepte für Tierhaltung umzusetzen. Der Kampf gegen Antibiotika im Stall sei in erster Linie ein Kampf für bessere Tiergesundheit: Eine gute Impfprophylaxe, verbesserte Hygiene, ein gutes Betriebsmanagement und Anpassung der klimatischen Verhältnisse im Stall nennt Blaha als nötige Maßnahmen.

Zwar berichtet Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), sie habe bereits eine Novelle des Arzneimittelgesetzes auf den Weg gebracht, um den Einsatz von Antibiotika bei der Tierhaltung zu verringern, aber NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) hält das für unzureichend: "Es gibt keinen Fahrplan, wie sich Ministerin Aigner die Reduzierung von Antibiotika-Mengen in der Tiermast überhaupt vorstellt", sagte er unserer Zeitung.

Zudem fehle ein Vorschlag, mit dem die rechtlichen Voraussetzungen für eine wirksame Antibiotika-Reduktionspolitik geschaffen werden könnten. Remmel übt zudem indirekt Kritik daran, dass die Tierärzte zugleich Lieferanten der Medikamente sind.

NRW hatte im Herbst 2011 als erstes Bundesland eine Studie zum Einsatz von Antibiotika in der Tiermast veröffentlicht. Wie berichtet, kamen demnach neun von zehn Masthühnern während ihrer Mastzeit mit Antibiotika in Kontakt. NRW ist dabei wohl kein Einzelfall, ähnliche Ergebnisse sind auch aus anderen Bundesländern zu erwarten — und nicht nur bei Hühnern.

(RP/anch)
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