Ein Hort für verletzte Vögel

Ein Hort für verletzte Vögel

Die Wildpflegestation Paasmühle in Hattingen kümmert sich um Vögel, die verwundet gefunden werden. Ehrenamtliche versorgen die Schützlinge. Ihr Motto: "Am liebsten sehen wir sie von hinten", denn nach der Genesung werden die Tiere wieder in die Freiheit entlassen.

Hattingen Der Bussard schaut mit hellbraunen Augen zu den beiden Männern: Reinhard Vohwinkel hat die Füße des Tiers fest im Griff, während Thorsten Kestner den Kopf des Greifvogels zwischen die Finger nimmt und den Schnabel öffnet. Dann steckt er ihm Fleischstücke – Hühnerherzen – in den Schlund. Der Vogel würgt sie hinunter. "Wir füttern sie immer, bevor sie freigelassen werden", erklärt Kestner, während er dem Bussard routiniert zehn Herzen zu fressen gibt. "Denn sie müssen sich erst orientieren, bevor sie wieder jagen können."

Seit 30 Jahren kümmert sich Kestner um Eulen, Greif- und Wasservögel, die verletzt gefunden werden. Mittlerweile gehört die Paasmühle, die erst seit einem Jahr ein Verein ist, zu den Top-Adressen der Wildvogelpflege: Polizei, Feuerwehr und Privatpersonen aus dem ganzen Bundesgebiet wenden sich an Kestner und sein Team, wenn ein verwundeter Vogel entdeckt wird.

So zum Beispiel an einem Sonntag Mitte Januar: Kestner bekam einen Anruf von der Bochumer Polizeileitstelle. Ein Ehepaar habe einen Greifvogel gefunden. Sofort nahm Kestner Kontakt mit dem Paar auf, das auf einem Feld nahe der Autobahn 46 mit dem Hund spazieren gewesen war. "Die haben dabei einen Vogel gefunden, der selbst dann nicht weggeflogen ist, als sich die Menschen näherten", erzählt der 48-Jährige. "Den Leuten war klar, dass etwas mit dem Tier nicht stimmt."

Wenn ein Vogel gefunden wird, bringen ihn viele Finder selbst zur Paasmühle. "Die Tiere untersuche ich hier direkt vor Ort", sagt er. Zwar ist er kein Tierarzt, sondern Bauleiter. Dennoch hat er nach den vielen Jahren genug Erfahrung, um zu entscheiden, wie es mit dem Tier weitergeht: "Entweder können wir es hier versorgen oder müssen zum Arzt." Zur Paasmühle gehört auch Ludger Kamphausen, Chef der Essener Taubenklinik. Zu ihm bringt Kestner viele verletzte Tiere. Es stellte sich heraus, dass das Bochumer Paar einen Bussard gefunden hat. "Er war nicht schwer verletzt", erinnert sich Kestner. Eine Prellung des rechten Flügels, ein geschwollenes rechtes Auge, dazu eine Gehirnerschütterung. "Wir wissen natürlich nicht, was genau passiert ist, aber es ist wahrscheinlich, dass der Bussard auf der Autobahn gegen eine Lkw-Plane geflogen ist." So erklären sich der Fundort und die Prellung. Jedes Jahr sterben laut Naturschutzbund in NRW zwischen 550 und 950 Bussarde bei Unfällen. Diese Art gehört zu den geschützten, ist allerdings nicht akut vom Aussterben bedroht.

Wegen der relativ leichten Verletzung wurde der Bussard direkt in der Paasmühle versorgt: Neben mehreren Gehegen für Eulen, Krähenvögel, Schwäne und Greifvögeln gibt es auch ein abgedunkeltes Gehege, in das die Tiere kommen, die kurz vor der Freilassung stehen. "Greifvögel versuchen, im Käfig zu fliegen, wenn sie gesund sind", sagt Kestner. Die würden sich dabei am Gitter verletzten. Deswegen der dunkle Raum – hier sind die Tiere ruhig und flattern weniger herum.

Zum Team der Paasmühle gehören viele ehrenamtliche Helfer: Sie pflegen das Areal, versorgen und beobachten die Tiere. Es gibt auch spezielle Bereiche für Wasservögel, die lediglich mit einem niedrigen Zaun abgetrennt sind. "Hier kommen genesene Tiere hin", erklärt Reinhard Vohwinkel. Er ist seit seiner Kindheit ein Vogelliebhaber. Mittlerweile arbeitet er als Ornithologe und wird zu Einsätzen in aller Welt gerufen. Für die Paasmühle engagiert er sich ehrenamtlich: Er versieht die gefundenen Vögel mit Ringen um die Füße. Wenn der Vogel wieder einmal entdeckt wird, kann man nachvollziehen, wo er herkommt. Der Bussard von der Autobahn trägt die Ringnummer 3404844. Außerdem führt Vohwinkel Besuchergruppen herum.

Das Highlight vieler Besichtigungen ist die Freilassung eines Vogels. Eine Stunde, nachdem der Bussard die Hühnerherzen gefressen hat, versammelt sich eine Gruppe auf der Wiese am Ende des Geländes. Sandra Groneberg darf den Vogel fliegen lassen. Sichtlich aufgeregt nimmt sie das Tier mit dem samtig weichen Gefieder in die linke Hand. Angst vor dem spitzen Schnabel braucht sie nicht zu haben: "Bussarde fangen mit den Füßen, nicht mit dem Schnabel", erklärt Ornithologe Vohwinkel. Thorsten Kestner steht neben der 32-Jährigen. Vorsichtig wippt sie mit der Hand. "Eins, zwei, drei", sagt sie leise. Beim dritten Mal lässt sie den Bussard los. Er schwingt sich in die Höhe, schlägt kräftig mit den Flügeln. Dann ist er am Waldrand angekommen – und setzt sich in einen Baumwipfel, um auszuruhen.

(RP)
Mehr von RP ONLINE