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Wie der Erfinder Daniel Düsentrieb in Deutschland zum Dipl.-Ing. wurde

Daniel Düsentrieb : Der Ingeniör, dem nix zu schwör ist

Er war nur für einen Kurzauftritt vorgesehen, doch seit 70 Jahren ist Daniel Düsentrieb nicht wegzudenken – weder aus Entenhausen noch aus der echten Welt. Verbeugung vor einem Universalgenie, das nirgends so verehrt wird wie hierzulande.

Die Wikipedia, das wohl schönste Beispiel für eine kooperative Schöpfung, verzeichnet in ihrer deutschsprachigen Version rund 1700 Erfinder-Persönlichkeiten. Am Anfang der Liste stehen Abbas ibn Firnas, der im 9. Jahrhundert das farblose Glas und damit auch gleich eine frühe Brille ersann, sowie Tim Berners-Lee, der Vordenker des World Wide Web. Zum Ende finden sich etwa die Gebrüder Wright (Motorflugzeug) und Arthur Wynne (Kreuzworträtsel), Robert Yeates (Dosenöffner) und William Yerazunis (Spamfilter), Zhang Heng (Berechnung von Pi) und Konrad Zuse (Computer).

Bekannter als sie alle zusammen indes ist wohl der eine von der imposanten Liste, dessen Eintrag den einschränkenden, fast entschuldigenden Zusatz „(Comicfigur)“ trägt, ohne den die Liste aber nicht denkbar wäre: Daniel Düsentrieb ist, wenn nicht der Bekannteste überhaupt seiner Zunft, fraglos in den Top fünf. Mühelos spielt das fiktive Federvieh in einer Liga mit Leonardo da Vinci und Thomas Alva Edison. Sein Name ist zum Synonym des Tüftlers schlechthin geworden.

Das ist meist als hohes Lob gemeint, manchmal aber nur schwer verdaulich: Den Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler sollen seine Neonazi-Kumpels „Daniel Düsentrieb“ gerufen haben – des Hangs zum Basteln vom Bomben wegen. Und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte George W. Bush wegen seines „kreativen“ Umgangs mit Rechtsfragen in Bezug auf Terror-Verdächtige nach dem 11. September 2001 „George W. Düsentrieb“.

 „Genie ist 99 Prozent Transpiration und ein Prozent Inspiration“, befand Thomas Alva Edison. Auch Düsentrieb kommt oft ins Schwitzen. Beim Grübeln aber hilft ihm ein Kopfkratz-Automat.
„Genie ist 99 Prozent Transpiration und ein Prozent Inspiration“, befand Thomas Alva Edison. Auch Düsentrieb kommt oft ins Schwitzen. Beim Grübeln aber hilft ihm ein Kopfkratz-Automat. Foto: © 2022 Egmont Ehapa Media/Disney

Auf die tadellose Reputation des echten Daniel Düsentrieb färbte nichts davon ab, die „Welt“ erklärte ihn gar zum Retter des deutschen Ingenieurs, dessen Ruf durch Dieselskandal und BER-Desaster „fachlich und moralisch schwer gelitten“ habe. Fakt ist: Sowohl im amerikanischen Original wie auch in vielen anderen Sprachen schwingt schon beim Namen von „Gyro Gearloose“ mit, dass er ein Zahnrad bzw. eben eine Schraube locker hat. In Deutschland nicht. Hier verkörpert er alle Baumarkt-Werbeslogans auf einmal: Geht nicht, gibt‘s nicht. Ideen muss man haben. Mach dein Ding. Mach es zu deinem Projekt. Und: Respekt, wer‘s selber macht.

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Für das hiesige Publikum verpasste die promovierte Kunsthistorikerin und über Jahrzehnte stilprägende „Micky Maus“-Übersetzerin Erika Fuchs dem Erfinder nicht nur den schnittigen Namen, sondern verlieh ihm auch gleich die wohl höchste denkbare Weihe neben dem Bundesverdienstkreuz, nämlich den akademischen Grad Diplom-Ingenieur.

Mit Fug und Recht, denn der Mann kennt sich mit allem aus, mit Astronomie, Bergbau und Chemie zum Beispiel, mit Mechanik und Mikroelektronik. In seiner Werkstatt am Stadtrand werden Hämmer geschwungen und Hirnströme analysiert sowie, nach einer Phase der Grübelei oft über Nacht, Raketen und Roboter konstruiert. Düsentriebs Art ist ein Statement wider das Fachidiotentum infolge immer weiterer Spezialisierung. Ganz im Sinne von Voltaire, der lobte: „Das ist das Vorrecht des erfinderischen Genies: es bahnt sich den Weg dort, wo noch niemand vor ihm gewandelt, es bewegt sich führerlos, kunstlos, regellos...“

Dabei waren Düsentriebs Anfänge kläglich: Bei seinem ersten Auftritt in einem „Micky Maus“-Comic im Mai 1952 versuchte er, mit einer Hüpfstelze und einem umgeschnallten Fass Milch zu Butter zu machen – vergeblich. Erfunden wurde er von Zeichner-Legende Carl Barks höchstpersönlich, jedoch aus schnödem Zugzwang: „Jeder Cartoonist hatte irgendwann einen verrückten Erfinder in seinen Strips. Ich brauchte auch einen – deswegen erfand ich Daniel.“ Die Gestaltung der Figur machte ihm allerdings zu schaffen, gab Barks zu: „Ich dachte daran, ihn nur dann und wann zu verwenden; deswegen machte ich aus ihm ein großes, unbeholfen aussehendes Huhn.“ Wenn ihm klar gewesen wäre, wie beliebt Düsentrieb werden würde, „hätte ich ihn ungefähr so groß wie Donald oder Onkel Dagobert gemacht. Es war schwierig, ihn in den gleichen Panels mit den Ducks zu verwenden“. Der Schlaks, der nicht nur Zwicker, Hemd und Hütchen trägt, sondern im Gegensatz zu den anderen gefiederten Bewohnern Entenhausens sogar eine Hose, war gekommen, um zu bleiben. Auch wenn sein Haare mal braun, mal grau und mal orangerot waren. Der einem Blässhuhn nachempfundene Charakter wurde zur echten Kultfigur – und, ähnlich wie Donald Duck, auch zum uneingeschränkten Sympathieträger.

Kein Wunder, denn Düsentriebs Antrieb ist nobel – Neugier, Hilfsbereitschaft und kindliche Freude an der Herausforderung. Er neigt zu unkonventionellen Lösungen und legt anstelle von Kosten-Nutzen-Rechnungen seine ganz individuellen Maßstäbe an. So schickt er schon mal Donalds minderjährige Neffen Tick, Trick und Track ins Weltall, indem er ihrer Seifenkiste mit einem Wunder-Antrieb samt Hyper-Navi verpasst. Von einem bestimmten Asteroiden sollen sie ihm ein seltenes Mineral mitbringen. Es ist unabdingbar für sein neuestes Projekt – die genaueste Eieruhr der Welt.

Diese „souveräne Wahllosigkeit“ (FAZ) ist sein Markenzeichen. Marko Andric, Chefredakteur der „Micky Maus“-Comics, legt nahe, dass sich Düsentrieb sowohl seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten bewusst sei als auch des schmalen Grats, auf dem er wandele: „Das beste Werkzeug ist ein Tand in eines tumbes Toren Hand“ zähle ebenso zu den Lieblingssprüchen des Erfinders wie „Zwischen Wahnsinn und Verstand ist oft nur eine dünne Wand“.

Unter seinen inzwischen mehr als 1000 „dokumentierten“ Erfindungen sind Traumbetrachter und Lebenswähler, schwerelose Motorroller und fliegende Untertassen, ungezählte gigantische Fahrzeuge für Expeditionen aller Art – ob im Dschungel oder in der Wüste, auf und unter Wasser oder in der Luft. Und fast ebenso viele Zeitmaschinen, Wunder-Strahlen, Vergrößerungs- und Verkleinerungssprays sowie Pillen etwa zum Löschen von Erinnerungen. Letztere schluckt er stets brav selbst, nachdem er den Superhelden Phantomias mit neuer Technik zur Bekämpfung des Bösen ausgestattet hat – um nicht versehentlich auszuplaudern, dass hinter jenem Held niemand anders steckt als Donald Duck.

 Zum Ehrentag des Erfinders erscheinen gleich drei  Sonderhefte. Bereits 2017 erschien das Buch „Dem  Ingeniör ist nichts zu schwör“ (400 Seiten, 30 Euro).
Zum Ehrentag des Erfinders erscheinen gleich drei Sonderhefte. Bereits 2017 erschien das Buch „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ (400 Seiten, 30 Euro). Foto: © 2022 Egmont Ehapa Media/Disney

Leider haben die meisten Erfindungen einen kleinen oder auch größeren Haken, den Düsentrieb in seiner Euphorie übersieht. Qualitätskontrollen liegen ihm ebenso fern wie ein Gespür für die Markttauglichkeit seiner Erfindungen, geschweige denn das Bestreben, sie tatsächlich zur Marktreife zu führen. Sein häufigster Auftraggeber mag Dagobert Duck sein, doch auch und vor allem steht er stets im Dienst der guten Sache. Problemlösung ist für ihn kein Weg zu Profit, sondern Selbstzweck.

Erfolglos blieben indes unter anderem die schweigende Schallplatte für Musikmuffel, der Regenbogenspanner, das Dunkellicht oder das tragbare Loch. Das Dauerprojekt wannenlose Badewanne ist noch in Arbeit.

Einsam ist das Genie übrigens nicht: Die Ducks haben Düsentrieb in die Familie aufgenommen, und seit 1956 steht ihm treu das Helferlein zur Seite, ein beseelter Mini-Roboter mit Glühbirnen-Kopf. Er bietet Ideen, Rat und Lebenshilfe – und legt zur Not auch selbst Hand an. Dem aktuellen „Micky Maus“-Heft liegt als nettes Extra eine Plastikfigur des plattfüßigen Kerlchens bei.

Im „echten“ Helferlein kann, wer mag, Parallelen zu Erika Fuchs erkennen – die war zwar technisch unbegabt, aber Günther, der Mann an ihrer Seite, war Tüftler, Erfinder, Designer und - selbstverständlich - Dipl.-Ing.