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Russen bitten um Vergebung: DNA-Analyse identifiziert tote Zarenkinder

Russen bitten um Vergebung : DNA-Analyse identifiziert tote Zarenkinder

Jekaterinburg (RPO). Ein weiteres blutiges Kapitel der russischen Geschichte kann als geklärt gelten: Russische Experten haben in DNA-Analysen herausgefunden, dass im Ural gefundene sterbliche Überreste zu zwei Kindern des letzten russischen Zaren Nikolaus II. gehören. Mit Glockengeläut und Gebeten haben russisch-orthodoxe Gläubige des Todes der Zarenfamilie vor 90 Jahren gedacht.

Hunderte Menschen versammelten sich am Mittwoch, dem Vorabend des Jahrestages, in der Ural-Stadt Jekaterinburg, wo Nikolaus II., seine Frau und seine fünf Kinder am 17. Juli 1918 von einem Bolschewiken-Kommando erschossen wurden. Mit einer Nachtwache sollte Buße für die Bluttat geübt werden, die das Ende der Romanow-Dynastie und die Entstehung der Sowjetunion besiegelte. Dass aus Nikolaus' Familie niemand überlebte, bestätigte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch endgültig.

"Die Endergebnisse der DNA-Analysen, die mit drei verschiedenen Gen-Testmethoden vorgenommen wurden, bestätigen die Hypothese, dass das zweite Grab die sterblichen Überreste von Großfürstin Maria und Zarewitsch Alexej enthielt", hieß es in einer von der Nachrichtenagentur Interfax verbreiteten Erklärung der Staatsanwaltschaft. Die mittlere Tochter und der jüngste Sohn hatten bei den sterblichen Überresten der Zarenfamilie gefehlt, die 1991 in Jekaterinburg ausgegraben worden waren. Diese waren vor zehn Jahren in St. Petersburg bestattet worden.

Die Orthodoxe Kirche weigerte sich damals, an der Bestattung teilzunehmen. Sie will die DNA-Analyse nicht als endgültig anerkennen. Diese Haltung sei nicht ohne Konfliktstoff, sagt der Religionsexperte Sergej Filatow von der Akademie der Wissenschaften. Viele orthodoxe Priester wollten die Monarchie wiederherstellen. Dem scheint auch Jekaterinburgs Erzbischof Wikenti nicht abgeneigt. "Wenn wir uns an die tragischen Ereignisse von 1918 erinnern, sehen wir immer mehr, dass dies ein zerstörerischer Bruch der grundlegenden Traditionen unseres Staates war", erklärte er zum Jahrestag. "Die Zeit ist angebrochen, das, was wir zerstörten, wiederzubeleben."

Pilger aus ganz Russland kamen zum Jahrestag in den Ural, um Verzeihung für die Tat zu erflehen. In den Katakomben der am Tatort errichteten Kirche zogen sie durch den mit rotem Stoff drapierten Raum, in dem die Familie starb, pressten ihre Stirne an den steinernen Boden und küssten Ikonen der Romanows. "Wir sind nur für eines gekommen: Vergebung", sagte Alla Solodownikowa, die aus Kaliningrad in den Ural gereist ist. In der Sowjetunion "wollte die Staatsmaschine unser Gehirn zerstören", sagt die 67-Jährige. "Ich bitte die Heiligen um Vergebung."

Andere Gläubige gingen den letzten Weg der Zarenfamilie vom Bahnhof bis in das Todeshaus nach. "Russland wird nie eine Demokratie. Das ist eine Sackgasse. Wir wollen einen Zaren. In so einem Land braucht man einen Herrn, keine vorübergehenden Führer", sagte Wladimir Sumin, der eine Kosackenuniform trägt.

Wenn auch nicht alle Russen sich einen Zaren zurückwünschen, so hat sich doch die Haltung der Menschen zur Romanow-Familie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch geändert. Die Kirche wird in ihrer Verehrung des Zaren auf der höchsten Staatsebene unterstützt und hat die Romanows mittlerweile heiliggesprochen. Seine Rehabilitierung lehnt die Regierung aus Furcht vor Schadenersatzforderungen jedoch kategorisch ab. Die Bürger dagegen scheinen ihren alten Monarchen wieder richtig liebgewonnen zu haben. In einer Umfrage des Fernsehsenders Rossija nach dem größten Russen aller Zeiten liegt Nikolaus II. in der Gunst ganz vorne - gleich neben Josef Stalin.

(afp2)