Die Junior Uni in Wuppertal begeistert Kinder und Jugendliche für Wissenschaft und Forschung

Bildung : Forscherplattform mit Seltenheitswert

Die Junior-Uni in Wuppertal begeistert Kinder und Jugendliche an 50 Wochen im Jahr für Wissenschaft und Forschung. Das besondere Lehr-Konzept ist in der deutschen Bildungslandschaft bisher einzigartig.

Wussten Sie, dass Bienen im Winter ungefähr fünfmal länger leben, als ihre Artgenossen im Sommer? Die 10.000 Exemplare, die den hauseigenen Bienenstock der Junior-Uni in Wuppertal bevölkern, haben einfach Glück, im Herbst geboren worden zu sein. „Die Bienen machen jetzt das, was Menschen auch gerne um diese Jahreszeit machen: faulenzen und chillen“, erklärt Michael Ernst, der Vorsitzende der Kreisimkerschaft Wuppertal. „Die fleißigen Sommerbienen haben sich nach etwa 40 Tagen zu Tode gearbeitet.“ Ernst leitet den Kurs „Winterdienst im Bienenstock“. Ein Dauerbrenner unter den rund 800 Kursen, die die Junior-Uni jährlich anbietet.

Menschen zwischen vier und 20 Jahren bevölkern nun schon im elften Jahr das kunterbunte Haus am Wupperufer. Mitten in der Stadt, in unmittelbarer Nähe zu Schwebebahn, Bus und Bahn, steht das Gebäude mit der farbenfrohen, geschwungenen Fassade, die sofort Lust macht, hineinzugehen. „Die Junior-Uni lässt junge Menschen leuchten“, steht auf wehenden Fahnen. Im Eingangsbereich zeigt eine große Digitalanzeige die aktuellen Kurse an: Lego-Ingenieure, Raketenkids und die Frühstücksforscher sind an diesem Tag noch im Einsatz. Ein Leitsystem mit den Köpfen großer Gelehrter führt die Teilnehmer zu ihren Kursräumen. Die allermeisten kennen sich eh hier aus, sie sind Wiederholunsgtäter.

Mehr als 60.000 belegte Plätze in über 5000 Kursen, so lautete die Bilanz zum zehnjährigen Bestehen der Uni im vergangenen Jahr. Es ist der Erfolg eines in dieser Form einzigartigen Konzepts in der deutschen Bildungslandschaft. „Wir sind an keine große Universität angeschlossen und komplett eigenständig“, betont Karin Röhrich vom Presseteam der Uni. Eigenständig heißt in diesem Fall auch: komplett eigenfinanziert – Das Jahresbudget von rund 1,7 Millionen Euro stemmt die Uni aus privaten Mitteln. Viele große und kleine Geldgeber halten das Angebot sowie die Qualität von Ausstattung und Lehre auf hohem Niveau. Und dies 50 Wochen im Jahr.

In vier Altersklassen sind die Kurse eingeteilt. Natur- und Geisteswissenschaften, Technik, Wirtschaft, Kunst und Kultur – hier findet jeder etwas Spannendes. Comics zeichnen, Filme drehen, Roboter bauen, Bücher schreiben, Politik, Raumfahrttechnik, Big Data – die Liste der Themen und Projekte füllt mehrere Programmhefte. Sogar Mathematik und Fußball werden zusammengebracht. Und Handballfans können gemeinsam mit den Profis vom Bundesligisten Bergischer HC die physikalisch perfekte Wurftechnik herausfinden und beim Besuch eines Erstliga-Spiels live erleben.

„Wir verpacken hier alle Themen so, dass die Studenten sie selbst erleben können“, erklärt Karin Röhrich. Ein Wasserrad zimmern die Kinder selbst aus Holz – und lernen ganz nebenbei, warum es sich überhaupt bewegt. Die Raketenkids haben in mehreren Wochen immer kompliziertere Flugkörper gebaut. Heute bereiten sie sich auf den krönenden Abschluss des Kurses vor: Ihre selbst ausgetüftelten Wasser-Luft-Raketen sollen später bis zu zehn Meter weit fliegen. „Das Rückstoß-Prinzip habe ich den Kindern nebenbei erklärt“, sagt Kursleiterin Birte Dyck, während sie beim Aufkleben der selbstgemalten Raketen-Deko hilft.

Dyck ist das perfekte Beispiel für die Uni-typische Bildungskette. Und die funktioniert laut Geschäftsführerin Ariana Staab so: „Viele unserer Studenten bleiben uns erhalten und werden später zunächst Assistent. Wenn sie dann einige Zeit gelernt und Verantwortung übernommen haben, können sie auch Dozent werden und einen eigenen Kurs leiten.“ Allerdings muss jeder Interessent zuvor ein Bewerbungsverfahren durchlaufen und ein überzeugendes Kurs- und Lehrkonzept vorlegen.

Die Teilnahme an den Kursen ist nahezu kostenlos: Höchstens zehn Euro müssen die Studenten zahlen. Das passt zum gemeinnützigen Leitgedanken der Einrichtung. Die zentrale Lage und ein Studententicket für kostenloses Bus- und Bahnfahren zur Uni – die Entfernung spielt dabei keine Rolle – ergänzen das niederschwellige Konzept.

Dazu gehören auch Respekt und die Begegnung auf Augenhöhe. Sie spiegeln sich in vielen Details des Unilebens. Real-und Gesamtschüler studieren hier gemeinsam mit Gymnasiasten. Jeder nach Neigung und Interesse. Alle Teilnehmer haben einen Studentenausweis und ein Studienbuch, in das die Urkunden jedes Kurses eingeheftet werden. Sämtliche Angebote laufen in Semestern, abgesehen von den Ferienprogrammen. Sogar Extra-Toiletten gibt es für Kinder – in entsprechend niedriger Höhe für die Jüngsten. Die lernen die Uni im Idealfall schon beim Besuch mit der Kita kennen und melden dann Interesse bei den Eltern an. „So erreichen wir Kinder aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten“, sagt Karin Röhrich.

„Die Junior-Uni lässt junge Menschen leuchten.“ Das Motto ist Programm. Im bunten Haus am Wupper­ufer bekommt jeder seine Chance.