Düsseldorf: Die Hausbesetzer von der Kiefernstraße

Düsseldorf: Die Hausbesetzer von der Kiefernstraße

In den 80er Jahren ist die Wohnungsnot in Düsseldorf groß: Hausbesetzer okkupieren die früheren Werkshäuser an der Kiefernstraße. Bis 1988 werden sechs Bewohner wegen Terrorverdachts und Bezügen zur RAF festgenommen.

Das Eckhaus Nummer 1 an der Kiefernstraße ist bunt, von oben bis unten. Die Graffiti verteilen sich auf fünf Stockwerke und bilden zusammen ein großes Gemälde. Die Bilder von Tieren und Pflanzen reichen bis zum Dach. Sogar den Schornstein schmückt ein farbenfroh verschlungenes Motiv. Die Bewohner erzählen in Sprayerkunst Geschichten von ihren Vorlieben, Ideen und Träumen. Vor dem Haus steht ein altes Sofa, dort sitzen die Menschen gerne zusammen, die Kinder spielen daneben. Die Straße ist zugleich Dorfplatz. Der Putz an der Fassade bröckelt etwas, aber das stört hier niemanden. Das ist "Schöner Wohnen" an der Kiefernstraße: alternativ, gemeinschaftsbezogen, günstig – anders als sonst in Düsseldorf. Die Kiefernstraße steht heute für eine gelungene Integration und erfolgreiche Sozialpolitik.

Dasselbe Haus am ersten Augustwochenende 1986: Schwer bewaffnete Polizisten stürmen mehrere Wohnungen. Es sind Sondereinsatzkommandos mit Visierhelmen, schusssicheren Westen und schnellen Fahrzeugen. Hunderte Personen – sie stammen aus der ganzen Bundesrepublik – sind für diesen Einsatz zusammengekommen. Sie haben die Nacht über gewartet, bis zum Zugriff, der erfolgt, sobald sie Nachricht von den Kollegen aus Rüsselsheim haben. Am 2. August um 16.30 Uhr werden dort im Eiscafé Dolomiti drei Personen festgenommen, unter ihnen ist eine der meist gesuchten RAF-Terroristinnen, die 32-jährige Eva Sybille Haule-Frimpong. Ihre Begleiter, zwei Männer, stehen in Verdacht, Kurierdienste für die Rote Armee Fraktion erledigt und eine Verbindung zum militanten Kern der Düsseldorfer Hausbesetzerszene zu haben. Als die Namen der 23- und 27-jährigen Männer bekannt werden, greift die Polizei in Düsseldorf zu. Terrorfahnder des Bundeskriminalamtes reisen an und durchsuchen unter anderem die Wohnung im Haus Nummer eins, in der einer der Männer gelebt haben soll.

Die Kiefernstraße rückt ins Zentrum der bundesweiten Aufmerksamkeit: Die Verhaftungen der drei möglichen Mitglieder der RAF stehen in Zusammenhang mit der Fahndung nach den Attentätern, die am 9. Juli den Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler bei Straßlach ermordet haben. Bei Eva Sybille Haule-Frimpong finden die Ermittler eine durchgeladene, großkalibrige Pistole der Marke SIG-Sauer, die aus einem RAF-Überfall auf ein Waffengeschäft am 5. November 1984 in Maxdorf stammt, sowie 70 Schuss Munition, darunter Hohlspitzgeschosse, sowie mehrere gefälschte belgische und deutsche Ausweise. Bei den Durchsuchungen an der Kiefernstraße, die für diesen Zweck durch Polizistenketten abgesperrt wird, stellen die Fahnder keine Waffen, sondern bergeweise Dokumente sicher. Die beiden Helfer sind der Polizei bereits bekannt, da sie wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch sowie tätlichen Auseinandersetzungen aktenkundig sind. Bei ihrer Festnahme in Rüsselsheim leisten sie keinen Widerstand. Es ergeht Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Doch die Ermittler können ihnen später nichts nachweisen. Die Täterschaft im Fall Beckurts ist bis heute ungeklärt. Bis 1988 werden sechs Bewohner der Kiefernstraße wegen Terrorverdachts verhaftet. Der damalige CDU-Generalsekretär Helmut Linssen bezeichnet die Kiefernstraße im NRW-Landtag als "das Zentrum des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland schlechthin".

Die Großrazzia an der Kiefernstraße 1986 ist die Spitze der jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der Hausbesetzerszene, der Stadt und der Polizei. 1981 okkupieren die ersten autonomen Hausbesetzer 60 Wohnungen. Sie kommen damit den Plänen der Stadt zuvor, dort ein neues Gewerbegebiet zu schaffen und die früheren Werkswohnungen einzureißen, die noch aus der Zeit der benachbarten Klöckner-Werke stammen.

Die Wohnungsnot ist groß in den 80er Jahren, immer mehr Menschen strömen in die Kiefernstraße und besetzen dort Räume. In den Folgejahren kommt es immer wieder zu Ärger zwischen den Behörden und Mitgliedern der linken Szene. Die Kiefernstraße wird zum Pendant der Hafenstraße in Hamburg und neben der Königsallee zur bekanntesten Adresse in Düsseldorf. Auf der Seite mit den ungeraden Hausnummern leben die Besetzer. Die andere Straßenseite wird überwiegend von Ausländern bewohnt.

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Zum ersten Mal eskaliert die Situation im Februar 1986, als Bewohner von Räumungsplänen hören. Sie errichten Barrikaden aus Sperrmüll, die Polizei zieht ihre Kräfte zusammen. Zur Räumung kommt es in diesem Jahr nicht. Die Polizei zieht sich vorerst zurück. 1988 schließt die Stadt per Ratsbeschluss Verträge mit den Hausbesetzern ab, wodurch sich die Lage langsam beruhigt. Die Kiefernstraße wird so als Sozialraum geschützt. In der folgenden Zeit werden einzelne Wohnungen geräumt, um sie den neuen Mietern zu übergeben. 1988 kommt ein Gerichtsvollzieher mit dem Räumungstitel des Düsseldorfer Amtsgerichts. Die Polizei bricht einzelne Wohnungen in den Häusern Nummer 6 und 16 auf. Ein Domizil erweist sich als leer, in der anderen Wohnung finden sich nur einzelne Möbelstücke. In die Nummer 16 ziehen an diesem Tag Asylanten ein, die zweite Wohnung wird von einer vierköpfigen Familie bezogen, die nun mehr Platz bekommt. Initiator der Räumung ist die Städtische Wohnungsbaugesellschaft. Beide Domizile sind gekündigt worden. Als Mitarbeiter der Gesellschaft sie ansehen wollen, finden sie ausgetauschte Schlösser und Türspione.

Die Mieten in den ehemals besetzten Häusern sind mit 1,10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter bis heute paradiesisch niedrig. Die Mietverträge werden noch einmal verlängert, doch 2008 laufen sie aus. Die Zukunft ist zunächst ungewiss. Es rumort wieder in der bunt bemalten Häuserzeile. Die Menschen dort wollen kein "Wohnen auf Abruf", sondern zuverlässige Mietverhältnisse. "Kiefern muss bleiben" ist auf Transparenten zu lesen. Die Bewohner setzen sich durch. Die Verträge gelten nun unbegrenzt.

Heute kommen Touristen in Reisebussen, um sich die bunten Hausfassaden anzusehen. Eine Bewohnerin sagt: "Das ist eine einzigartige Wohnlandschaft. Bei uns funktioniert, was in Deutschland gerade vielerorts scheitert."

Die morgige Folge erzählt Aachens Historie als Kurbad.

(RP)
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