Wissenschaftler der TU Berlin untersuchen Pflasterfugen Die Geheimnisse des Ritzendrecks

Berlin (rpo). Wissenschaftler der TU Berlin interssieren sich jetzt für den Schmutz unter unseren Füßen. Genauer gesagt für die chemischen, physikalischen und biologischen Eigenschaften des Fugenmaterials Berliner Straßen und Gehwege, also des "Ritzendrecks".

Die Arbeitsgruppe von Professor Gerd Wessolek von der Technischen Universität (TU) in Berlin untersucht dieses Material seit Juni 2002. Was viele nicht ahnen: Dieser "Ritzendreck" hat eine außerordentlich große Bedeutung für Wasser- und Stoffkreisläufe im Ökosystem Stadt, denn über diesen kleinen Teil der Straße finden praktisch alle Austauschprozesse zwischen dem unter der Straße liegenden Boden und der Umwelt statt.

Für viele von uns ist diese abgedeckte Form des Bodens Alltag. Für Siedlungs- und Verkehrsflächen wurden in Deutschland natürliche Böden größer als die Fläche Baden-Württembergs bebaut, zubetoniert und asphaltiert; man spricht von Versiegelung. Was übrig bleibt vom Boden sind oft nur Fugen.

Eine Folge dieser Entwicklung hat Deutschland vor nicht all zu langer Zeit schmerzlich erfahren. Der Regen kann nicht mehr in den Boden gelangen, größere Mengen Niederschlag fließen sehr schnell in unsere Flüsse und verstärken das Hochwasser. Auf der anderen Seite fehlt der Stadt dieses Wasser. Ein ungesundes, sehr trockenes und warmes Klima bleibt den Städtern.

Dies geht so weit, dass Pflanzen in Berlin im Sommer bewässert werden müssen. Die Böden in der Stadt haben also vielseitigen Einfluss auf die Lebensqualität der Städter, wurden aber von Wissenschaftlern bisher sehr stiefmütterlich behandelt.

Dies liegt am sehr eingeschränkten Verständnis dafür, was überhaupt als Boden bezeichnet wird. Nicht nur die Böden in Grünanlagen und Parks, sondern auch der Bauschutt, der unter der Straße eingebaut wurde, der schmale Ring um unsere Straßenbäume und eben auch die Materialien in den Pflasterfugen müssen endlich als Boden angesehen werden, denn sie nehmen vergleichbare Funktionen wahr.

Die Wissenschaftler der TU Berlin und des DFG-Graduiertenkollegs "Stadtökologische Perspektiven einer europäischen Metropole - das Beispiel Berlin" fanden im Ritzendreck beispielsweise eine dreimal höhere mikrobielle Aktivität als in natürlichen Böden und stellten fest, dass Schadstoffe aus dem Autoverkehr effektiv zurückgehalten werden.

Wie viel Regenwasser durch die Fugen unterschiedlicher Pflaster in den Boden gelangen kann, wohin dieses Wasser fließt und welche Schadstoffe damit wie weit transportiert werden, beeinflusst entscheidend die Qualität des Grundwassers und unter anderem auch die Gesundheit der Straßenbäume.

Spätestens hier könnten sich Interessenten für die Er-gebnisse dieser Arbeit melden: Wenn es um die Verbesserung der Wasserversorgung der Straßenbäume geht, horcht jedes Pflanzenschutzamt auf. Schließlich kostet jeder vertrocknete und zu ersetzende Baum in Berlin viel Geld, Geld, das die Stadt nicht hat.