Düsseldorf: Die Deutschen sind Technik-Pragmatiker

Düsseldorf: Die Deutschen sind Technik-Pragmatiker

Eine Umfrage hat die Einstellung der Deutschen zu technischen Neuerungen ermittelt. Roboter in der Pflege werden abgelehnt.

Die Deutschen wollen das Steuer ihres Autos nicht dem Computer überlassen. Nicht einmal jeder Fünfte vertraut darauf, dass das vollautomatisierte Fahren zuverlässig funktioniert. Die Entwickler der selbststeuernden Fahrzeuge haben noch einen weiten Weg vor sich, bis ihre Technologie von der Bevölkerung angenommen wird. Bei einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und der Körber-Stiftung lehnen es 64,8 Prozent der Befragten "voll ab" oder "eher ab", die Verantwortung im Auto an vollautomatisierte Systeme abzugeben. Nur 16 Prozent antworten im Technik-Radar, sie wären dazu bereit. Nur jeder fünfte Deutsche glaubt, dass ein Computer besser fahren kann als er selbst. Aber mehr als 57 Prozent befürchten, dass sie nicht mehr so fahren können, wie sie möchten, wenn künstliche Intelligenz das Auto steuert.

Foto: RP

Diese Absage an den Computer als Fahrer darf nicht mit Technikfeindlichkeit verwechselt werden. Den Deutschen wird schon lange nachgesagt, sie seien gegenüber Technik negativ eingestellt. "Diese Geschichte war eine Erfindung für einen Wahlkampf in den 1980er Jahren, und trotz vielfältiger Widerlegung lebt sie fröhlich weiter", erklärt Armin Grunwald, Präsidiumsmitglied der acatech und Professor am Institut für Technikfolgenabschätzung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). In Wirklichkeit sei die Einstellung der Deutschen zur Technik sehr pragmatisch.

Mehr als eine halbe Stunde Zeit haben sich die Befragten für das Technik-Radar genommen. Das Ergebnis liefert eine differenzierte Einstellung, die mit dem Zweck der Innovationen zusammenhängt. Jeder zweite Deutsche sagt, dass die technische Entwicklung dazu führen wird, dass nachfolgende Generationen eine höhere Lebensqualität haben. Für drei Viertel der Befragten ist es wichtig, dass Technik mit Gerechtigkeit oder Umweltschutz im Einklang steht. Aber nur jeder Dritte glaubt daran, dass die Technik helfen wird, die zentralen Probleme der Menschheit zu lösen. 60 Prozent antworten, dass durch Technik auch mehr Zwänge auf den Menschen wirken. Nur jeder Vierte ist der Ansicht, dass Technik mehr Probleme löst als sie schafft.

Viele Entwicklungen halten die Deutschen für sehr positiv: Den Einsatz von erneuerbaren Energien, die Digitalisierung der Wirtschaft oder die Bevorzugung von umweltverträglichen Verkehrsmitteln bewerten mehr als 70 Prozent als "sehr nützlich" oder "eher nützlich". Andere Technologien werden abgelehnt. Den Einsatz von Robotern in der Pflege oder die gezielte genetische Veränderung von Nutzpflanzen zur Lebensmittelversorgung befürworten nur weniger als ein Fünftel der Deutschen. Bei der Verwendung von künstlicher Intelligenz in der Medizin zur Auswertung von Datenbanken bei der Erstellung einer Diagnose halten sich Ablehnung (31 Prozent) und Zustimmung (36 Prozent) etwa die Waage.

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Nicht nur die autonomen Fahrzeuge, auch eine andere Zukunftstechnologie stößt auf große Akzeptanzprobleme: Smart Home - die Digitalisierung der Wohnung. Die Mehrheit der Deutschen will die technischen Gerätschaften in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus nicht mit dem Internet verbinden und von außen steuern: 57 Prozent haben kein Interesse an Smart-Home-Systemen. 34 Prozent haben sich noch nicht entschieden und antworten, dass sie die Technik "vielleicht" oder "höchstwahrscheinlich" nutzen werden. Bei acht Prozent der Befragten ist sie bereits im Einsatz. Für das Interesse spielt das Alter eine große Rolle. Männer unter 35 Jahren liebäugeln besonders stark mit der Smart-Home-Technik, auch bei den Frauen dieser Altersklasse überwiegt die Zustimmung.

Interessant ist, dass für den Kaufentscheid die einfache Bedienbarkeit oder der Preis in den Hintergrund treten. Die Verbraucher haben offenbar Angst vor Missbrauch. Zwei Drittel der Befragten befürchten, dass Internet-Kriminelle die Kontrolle über die Wohnung übernehmen könnten. Fast 90 Prozent nennen die Sicherheit des Systems und den Schutz der persönlichen Daten als wichtigste Faktoren für den Kauf. Dieses Misstrauen gegen Sicherheit, Datenmanagement und Zuverlässigkeit der Technik schlägt auch beim vollautomatisierten Fahren durch. Knapp zwei Drittel der Befragten stört es, dass die Fahrzeuge ihre Daten sammeln. Noch mehr erwarten ein Verkehrschaos durch Computerpannen.

Diese im Technik-Radar geäußerten Bedenken seien wichtige Botschaften für die Wirtschaft, sagte Ortwin Renn vom Institute for Advanced Sustainability Studies Potsdam (IASS) bei der Vorstellung der Studie. Die Technik erscheine für viele Menschen offenbar als unaufhaltsame Naturgewalt, der man ausgesetzt sei. "Es wird darauf ankommen, die Kontrolle zurückzugewinnen", sagt Renn. "Wenn Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, erzeugt das Widerstand."

Noch eine andere Zahl ist bemerkenswert: Die Begeisterung für Technik scheint bei Frauen und Männern unter 35 Jahren ähnlich groß zu sein. Jeweils knapp 30 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe sagen, dass sie es chic finden, die neuesten technischen Geräte zu benutzen. Damit unterscheidet sich die junge Generation deutlich von den Vorgängern. Bei den über 65-Jährigen erfreuen sich 22 Prozent der Männer an neuen technischen Geräten, aber nur drei Prozent der Frauen. Dieser Unterschied scheint zu verschwinden: Bei vielen Fragen im Technik-Radar fallen die Antworten von jungen Frauen und Männern ähnlich aus. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob sich dieser Trend künftig auch in der Berufswahl der Mädchen spiegelt.

(rai)
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