Köln: Der Weg der Magier von Bethlehem nach Köln

Köln : Der Weg der Magier von Bethlehem nach Köln

Vor 850 Jahren brachte Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln. Eigentlich war die Reliquie eine Art sakrale Raubkunst, weil sie ein Geschenk von Kaiser Barbarossa für die Eroberung Mailands war. Für die weltberühmte Reliquie wurde der kostbare Schrein gefertigt und der Dom gebaut.

Sie waren dem Stern gefolgt und sind so nach Bethlehem in Judäa gekommen, um Gottes Sohn zu huldigen. Magier aus dem Osten sollen es gewesen sein, später hat man sie Könige und namentlich Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Dass es drei gewesen sein sollen, steht beim Evangelisten Matthäus nicht. Die überlieferten Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe reichten jedoch aus, diese auf die Zahl der frommen Pilger hochzurechnen.

Der Weg zur Krippe soll für die drei Weisen ein weiter gewesen sein, doch war er in der stillen Nacht von Christi Geburt noch nicht an sein Ende gelangt. Dies sollte erst gut 1200 Jahre später erreicht sein, wobei ihre Ankunft in Köln mit der spirituellen Ruhe und Einkehr in Bethlehem nichts mehr zu tun hatte. Ganz Kölle war praktisch auf den Beinen, als vor 850 Jahren - am 23. Juli 1164 - Rainald von Dassel mit den Gebeinen der drei Weisen in die Stadt einzog. Von Dassel war nicht nur Kölner Erzbischof, sondern auch Kanzler von Friedrich I. Barbarossa und Letzteres vielleicht sogar im Hauptberuf. Denn erst ein Jahr nach seinem Triumphzug ließ er sich - auch auf Druck der Kirche - zum Priester und schließlich noch zum Bischof weihen.

Wäre Rainald von Dassel aber nicht dieser Machtmensch gewesen, hätte Köln nie und nimmer die für das Christentum bedeutendste Reliquie bekommen. Der Kölner hatte seinem Kaiser ordentlich bei der Eroberung und anschließenden Plünderung Mailands beigestanden. Und diese treuen Dienste entlohnte Barbarossa reichlich - mit den dort aufbewahrten Königs-Gebeinen. So richtig berühmt waren sie noch nicht, doch auch darin erwies sich Rainald von Dassel als Vermarktungsgenie. Seinen gesamten Rückweg von Norditalien bis ins Rheinland - den man vornehm als Translation (Überführung) beschreibt, den man exakter als spirituellen Raubzug bezeichnen müsste - inszenierte er als Werbetour. Hier und da soll er auch kleinere Stoffproben der Königsgewänder verschenkt haben. Der Effekt war enorm: Als er in Köln eintraf, waren die Reliquien berühmt.

Genau das spiegelt sich auf den Straßen Kölns wider: Ein Chronist aus dem 13. Jahrhundert berichtet, dass die gesamte Einwohnerschaft den Reliquien entgegengestürzt sein soll ("tota civitas obviam ruit") und die Gebeine mit Hymnen und Gesängen bis in den Dom geleitet habe. Diesen Triumph hatte Rainald von Dassel gewieft vorbereitet und noch aus Italien ein Schreiben in seine Bischofsstadt geschickt, gerichtet an den "Klerus und die Bürger der lieben Stadt Köln in wohlerzogener Dienstbeflissenheit und der Fülle innigster Liebe"; darin verspricht er, dass er solche Gaben aus Italien mitbringen werde, die mit nichts auf Erden zu vergleichen seien.

Er sollte recht behalten. Denn mit der heiligen Kriegsbeute wurde Köln zum hilligen Köln, Aachen und Trier wurden übertroffen und die drei Kronen bereits ab 1300 in das Stadtwappen aufgenommen. Wahrscheinlich hätte Köln ohne die Reliquien nicht einmal die große gotische Kathedrale. Denn die ungeheuren Pilgerströme, die bald nach der Ankunft einsetzten, überforderten den Alten Dom. 1248 wurde darum mit dem Bau des neuen Doms begonnen.

Noch davor hatte man unter maßgeblicher Gestaltung durch Nikolaus von Verdun mit dem imposanten Dreikönigenschrein begonnen, der nach fast 40-jähriger Arbeit 1230 fertig wurde. Darauf wurde sichtbar, dass die Reliquie im Mittelalter in hohem Maße eine Staatsreliquie war. In der Anbetungsszene auf der Stirnseite des Schreins ließ sich gleich hinter den heiligen Königen der Stifter selbst, König Otto IV., verewigen - praktisch als vierter König. Das war mehr als nur hochherrschaftliche Eitelkeit. Das war ein Herrschaftsanspruch, da die drei Weisen, die ersten bekehrten Heiden, als Urbilder des christlichen Königtums herhalten sollten.

Aber auch das sogenannte gemeine Volk sollte nicht zu kurz kommen und von der Kraft der Reliquien etwas abbekommen dürfen. So wurde im Mittelalter die reich geschmückte Trapezplatte täglich abgenommen und damit der Blick freigegeben auf das Häupterbrett mit den drei Schädeln. Pilger durften kleinere Gegenstände an die Knochen halten. Solche Berührungsreliquien halfen laut mitgegebenem Zettel gegen Hausbrand und Räuber, Kopfweh und Epilepsie. Eine dezente Erinnerung an einstige Pilgerströme wird es Ende September mit der Domwallfahrt geben.

Schreine und Gebeine wurden noch zweimal auf eine größere Reise geschickt; sie dienten zum Schutz vor den heranrückenden französischen Truppen im 19. Jahrhundert sowie im Zweiten Weltkrieg. Das sind kleine Etappen eines langen Wegs. Wie die Gebeine überhaupt nach Mailand gelangten, bleibt legendenhaft. Die Weisen sollen in dem Ort Azzan im Jemen erstmals begraben, später nach Konstantinopel und von dort nach Mailand gebracht worden sein. Alles Versuche einer auch historischen Beglaubigung. Die einzige Untersuchung zu den Stoffen ergab, dass die Seidendamaste aus den ersten beiden Jahrhunderten stammen und in Syrien hergestellt wurden. Aber kommt es darauf an? Die Echtheit der Reliquien ist keine Glaubensfrage, sondern eine Geschichte, die von der Sehnsucht der Menschen nach Heil und Hoffnung erzählt.

(RP)
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