Serie: Rheinische Pioniere (11): Der ideale Geiger

Serie: Rheinische Pioniere (11) : Der ideale Geiger

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, zählt zu den großen Violinisten der Gegenwart. Er spielt ebenso seriös wie spontan.

Am 3. August 1993 ging im Restaurant "Au bon relais" im bretonischen Saint-Malo die Tür auf. An den Tischen lauter Musiker; sie hatten in der Kathedrale Beethovens Violinkonzert und eine Haydn-Messe aufgeführt, aßen nun Muscheln und tranken Muscadet - bis ein Mann eintrat. Es war der Geiger Frank Peter Zimmermann; im Konzert hatte er das Solo gespielt. Bei dieser Konzertreise mit dem Chor des Düsseldorfer Görres-Gymnasiums unter Ulrich Brall saß im Orchester auch Vater Fritz Zimmermann, früherer Cellist der Duisburger Philharmoniker. Den hatte Brall gefragt: "Sag mal, Fritz, kann nicht dein Filius mal mit uns . . . ?" Nun war das Wunder eingetreten, Sohn Zimmermann bat um Ruhe und sagte: "Dieser Abend wird mir unvergesslich bleiben. Ich habe das Stück schon in berühmtesten Sälen gespielt, aber noch nie in einer Kathedrale und" - er blickte zu seinem Vater - "vor allem nicht in dieser Besetzung." Das Restaurant schluckte kollektiv.

Bei Frank Peter Zimmermann hat man oft das Gefühl, einen unvergesslichen Abend zu erleben. Er ist keiner, der vor aller Augen den Magier oder den Entertainer gibt. Zimmermann ist unbeschreiblich diskret, er macht wenig her, steht da mit seiner Geige, hebt sie hoch wie ein unscheinbares Playmobil, aber dann kommen diese Töne heraus, prachtvolle Töne, die - groß und erhaben - schier noch das Schmirgelpapier des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari spüren lassen. Vor allem ist Zimmermann erschreckend konstant in seinen Leistungen. Solche Leute taugen nicht fürs Promialbum. Die WestLB (jetzt Portigon) leiht ihm seit Jahren Instrumente aus der legendären Stradivari-Werkstatt.

Der Musiker, 1965 in einer Duisburger Musikerfamilie geboren, zählt zu den Künstlern, die sich das Leben schwermachen. Oder andersherum gesagt: Er taugt nie für die Show. Den ersten Geigenunterricht bekam er von seiner Mutter. Der Vater nahm ihn mit ins Sinfoniekonzert. Früh schon, mit elf Jahren, war er Jungstudent an der Folkwang-Hochschule in Essen bei Valery Gradow. Sein offizielles Debüt gab er 1981 mit den Berliner Philharmonikern und Mozarts Violinkonzert KV 216. Da war er 16 Jahre alt, ein Kind und schon sehr weit.

Als er bei Saschko Gawriloff und Herman Krebbers weiterstudierte, zeigte sich bald: Zimmermann war keiner dieser Fuzzis, die mit Brillantine im Haar, Schmalz vom Griffbrett und künstlich geweißten Zähnen zur Verzauberung von Hörerherzen antraten. Dieser Musikus nahm die Dinge weiterhin ernst, und das ist noch heute so. Man möchte bei ihm auch nicht schnöde von Karriere, sondern von Reifung eines Spitzenweins sprechen. So klingen Zimmermann-Konzerte zum einen abgeklärt. Trotzdem ist da ein Rest Spontaneität und Überraschung, die das Einzigartige dieses Künstlers definieren.

Als er vor einigen Jahren jenes Beethoven-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle spielte, atmeten wir Zuhörer hinterher entspannt aus und sagten voller Überzeugung: "Ja, sooo muss man es spielen!" Selten hat man es so reif, unpathetisch, von solch serener Gelassenheit erfüllt, so lauter und zugleich eindringlich gehört wie an diesem Abend. Zimmermann spielte das herrliche Werk, als handele es sich um eine Privatveranstaltung, bei der sich 1800 Hörer heimlich in den Saal geschlichen hatten. Den anti-virtuosen Charakter des Konzerts versuchte er zu keiner Sekunde durch Geigerallüren umzudeuten. Nein, Zimmermann spielte die Musik wie eine höchstpersönliche Reise zu Beethoven als dem Mittelpunkt der Erde, bei der er einzig die Düsseldorfer Symphoniker als Gefährten dabei hatte.

Nichts war aufgesetzt, nichts kaufmännisch ins Schaufenster geschoben. Selbst die kanonische Struktur der ersten Kadenz, die viele Geiger zu demonstrativem Nachdruck ("Hört her, wie kunstvoll!") nötigt, spielte Zimmermann wie nebenbei, was der Passage eine fast unheimlich expressive Wirkung verlieh. Im Larghetto war das Spiel kammermusikalisch gewärmt, und im Finale gab es Lerchengesänge und Zwiesprachen mit dem Fagott, die von einer Schönheit waren, dass man als Hörer . . .

Keine Worte fanden wir auch bei der Zugabe (Paganinis Variationen über Paisiellos "Nel Cor Più Non Mi Sento"), in denen Zimmermann das Geigenteufelszeug über die Hintertreppe wieder einführte, mit Bombensicherheit und fabelhafter Differenzierungskunst artikulierte und dabei ein Höchstmaß an Schwierigkeit mit einem Höchstmaß an dienender Musikalität verband.

Wenn er das Violinkonzert von Sibelius spielt, ist Rettung in Sicht. Eigentlich mag man es nicht mehr allzu gern hören. Legionen holzraspelnder Geiger haben hier Birkenwälder geschreddert oder Harz aus der Baumrinde gepresst. Wenn Zimmermann es auflegt, tut sich über diesen fast undurchdringlich scheinenden Wäldern der Interpretationsgeschichte der Himmel auf. Zimmermann musiziert das gern unterschätzte Werk auf seiner CD mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra unter John Storgårds, als müsse eine Rehabilitation betrieben werden. Zimmermann lässt die Musik ohne jede pseudo-nordische Dauerexpressivität erklingen.

Natürlich spielt er überall auf der Welt diese Meisterwerke, Zimmermann zählt zu den wenigen Gewährsleuten im Geigerzirkus, die man jenseits der Moden immer engagieren wird - weil er eine völlig unaufdringliche Seriosität und Überzeugungskraft ausstrahlt. Zugleich ist Zimmermann in seinen eigenen Programmideen, vor allem in der Kammermusik, gern experimentell.

Vor einigen Jahren trat er im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal mit dem Pianisten Enrico Pace und den drei Schumann-Sonaten für Violine und Klavier auf. Da waren nicht zwei Muskelmänner, die auf dem Griffbrett und in der Klaviatur wühlten, als müsse der wilde Geist der Romantik mit Gewalt aus seinen Fesseln gelöst werden. Nein, sie spielten die Werke als glühend-nervöse, dünnhäutige Musik. Schumanns Schwung kam großartig heraus, aber er stellte sich nicht mit Visitenkarte auf Büttenpapier vor, sondern entstand als Feuer von innen. Und als seien diese drei Sonaten nicht genug, spielte Zimmermann dazwischen zwei Sonaten von Paul Hindemith, für dessen Musik er ein weites Herz hat. Diese Musik roch dann auch nicht nach Handwerksstube, sondern nach sprühendem Atelier. Dass Hindemith als Bratscher perfekt für die Geiger komponierte, macht Zimmermann hinreißend klar.

Zimmermann hat sich über die Jahren auf den großen Bühnen der Welt - allein in dieser Saison spielt er von Boston bis Hongkong in fast allen wichtigen Sälen - ein Herz für die Kammermusik bewahrt. Er weiß, dass hier die Kommunikation ideal glückt, demokratisch durchglüht und ohne hierarchische Staffelung. Sein eigenes Trio mit den Star-Kollegen Antoine Tamestit (Viola) und Christian Poltéra (Violoncello) ist eine Formation, bei der drei Könner einander den Ball zuwerfen, aber keiner ihn verwandeln will. Spannung in der Balance.

Und wenn nur eine Geige und ein Cello zusammenspielen - fehlt da nicht die Füllstimme der Bratsche? Kann man mit Ober- und Unterstimme allein auskommen? Auch diese Frage beantwortet Zimmermann mit Ja - wenn er mit einem Meister wie Heinrich Schiff zusammenkommt und Kostbarkeiten für genau diese Besetzung für die CD aufnimmt. Dazu zählen Werke von Honegger und Martinu, bei denen sich große Kunst an den Rändern des Klangs abspielt und doch orchestral zusammenwächst. Mit Doppelgriffen und gebrochenen Akkorden ist so viel möglich, dass man auch bei zweien mitunter ein Streichquartett vor sich wähnt.

Es fehlt also tatsächlich an nichts. Ein Duo ersetzt die ganze Welt. Und Frank Peter Zimmermann ist hier wie so oft Führungskraft und Assistent in einem. Der ideale Geiger.

MORGEN STELLEN WIR DEN RENNFAHRER MICHAEL SCHUMACHER VOR.

(RP)
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