Walter Kardinal Brandmüller: "Der gute Hirte darf Wölfe nicht fürchten"

Walter Kardinal Brandmüller: "Der gute Hirte darf Wölfe nicht fürchten"

Vatikan-Geistlicher kritisiert deutsche Bischöfe: Sich selbst erhaltender Apparat übertöne mit Geklapper das Evangelium

Rom Der im Vatikan lebende deutsche Kardinal Walter Brandmüller ist Historiker der Römischen Weltkirche - und ein kantiger Konservativer, der seine Meinung sagt, komme sie gelegen oder ungelegen.

Die deutschen Bischöfe machen den Eindruck von Ängstlichkeit, manche sagen: Feigheit, wenn über Für und Wider der "Homo-Ehe" debattiert wird. Muss die Wohlstandskirche erst wieder lernen, sich notfalls öffentlich verprügeln zu lassen?

Brandmüller Es ist den Kräften, die die sogenannte öffentliche Meinung beherrschen, gelungen, Gesetze einer "political correctness" zu formulieren, gegen die zu verstoßen eine mediale Hinrichtung zu riskieren bedeutet. Auf der anderen Seite haben wir das Phänomen der Schweigespirale, in die sich die Mehrheit einreiht, die einer solchen Hinrichtung schweigend zusieht. Dass ein solches Verhalten dem Christen angemessen sei, wenn es sich um fundamentale Fragen der Glaubens- bzw. Sittenlehre des Evangeliums Christi handelt, wird niemand behaupten wollen. Wozu haben wir schließlich das Sakrament der Firmung empfangen? Und: Haben die Bischöfe bei ihrer Weihe nicht versprochen, das Evangelium Christi treu zu verkünden und das Glaubensgut gemäß der in der Kirche immer und überall festgehaltenen Überlieferung rein und vollständig zu bewahren?

Und wenn man dafür an den Pranger gerät?

Brandmüller In der Erfüllung dieser Pflicht darf der gute Hirte sich nicht vor den Wölfen fürchten. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Übrigen den, auf den sich die Meute stürzt, nicht im Stich lassen dürfen in der illusorischen Hoffnung, selbst verschont zu bleiben.

Kardinal Martini schrieb 2012 kurz vor seinem Tod die Kirche in Europa und Nord-Amerika komme ihm müde vor. Fehlt es der Kirche in Europa an christlichem Spirit?

Brandmüller Da würde ich gerne unterscheiden - und zwar zwischen dem, was man "kirchliches Establishment" nennen könnte, und den nicht wenigen meist jugendlichen Bewegungen und Gemeinschaften in der Kirche. Hier sehe ich durchaus "christlichen Spirit" - ich würde sagen: den Heiligen Geist - am Werk.

Vor seiner Zeit als Papst schrieb Kardinal Ratzinger einmal, die Moral, die die Kirche lehre, sei keine Speziallast für Christen, sondern die Verteidigung des Menschen gegen den Versuch seiner Abschaffung. Das begreifen immer weniger Menschen. Was macht die Kirche falsch?

Brandmüller Das ist eine der zahlreichen brillanten Formulierungen Ratzingers, die den Nagel auf den Kopf treffen. In der Tat scheint gewisse Kreise eine geradezu perverse Lust an der Selbstzerstörung erfasst zu haben, wenn etwa die Weitergabe des Lebens in vielfacher Weise verhindert oder die naturgegebene geschlechtliche Identität von Mann und Frau in Frage gestellt wird. Demgegenüber kann und muss die Kirche das natürliche Sittengesetz verkünden, das durch das Evangelium vervollkommnet wird und das dem Menschen guten Willens einsichtig ist. Dabei darf die Kirche sich durch Ablehnung ihrer Botschaft nicht beirren lassen.

Es wird behauptet, die prinzipiell treu katholischen Iren hätten mit ihrem Ja zur "Homo-Ehe" Gegenposition zur Kirche bezogen, weil sie dieser wegen Verstrickung irischer Priester in grässliche Missbrauchsfälle das Vertrauen versagen wollten. Also, selbst schuld, sündhafte Kirche?

Brandmüller Hier kann ich Ihnen nur zustimmen. Reden wir aber nicht nur von Irland! Sie hätten auch das Evangelium zitieren können: "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz schal geworden ist, womit soll man salzen? Es taugt zu nichts mehr, als dass es hinausgeworfen und von den Leuten zertreten wird" (Mt 5,13).

Der bekennende Agnostiker, Autor und Glaubens-Sucher Martin Walser wundert sich darüber, dass die Kirche die enormen kulturellen Leistungen nicht selbstbewusster hervorhebt, die in Jahrhunderten durch Glaube und Religion erzeugt wurden. Versagt die Kirche beim Marketing?

Brandmüller Natürlich hat Martin Walser recht: Die Kulturleistung der Kirche ist gewaltig - und sie ist Ausdruck eines alle Lebensbereiche durchdringenden Glaubens. Aber deswegen bin ich nicht Christ. Entscheidend ist der Glaube an das Evangelium Jesu Christi, das die Kirche vermittelt. Natürlich schließt das ein dankbares und stolzes Bewusstsein dieses Reichtums nicht aus. Wichtiger wäre freilich, das von den Vätern Ererbte stets zu erwerben, um es in Wahrheit zu besitzen.

Kardinal Ratzinger hat 1994 im Interview mit dieser Zeitung gesagt, die Kirche in Deutschland müsse sich fragen, von welchen Dingen sie sich trennen könne. Ist der institutionelle Panzer immer noch zu dick und ist die geistige Ausstrahlung zu dünn?

Brandmüller Was Kardinal Ratzinger gesagt hat, ist heute noch wahrer, als es 1994 war. Was hilft mir ein "katholischer" Kindergarten, wenn dort vom Weihnachtsmann, vom Osterhasen etc. die Rede ist statt von Jesus Christus? Was hilft ein "katholisches" Krankenhaus, wenn dort kein Priester hinkommt, keine Schwester mit den Kranken betet und Operationen durchgeführt werden, die im Widerspruch zum christlichen Sittengesetz stehen? Es wäre in der Tat besser, ja eigentlich notwendig, dass sich die Kirche von solchem Ballast trennte, wenn es nicht möglich ist, die leeren Gefäße mit christlichem Geist zu füllen.

Haben wir in Europa eine weitgehend verbürgerlichte, windelweiche Eiapopeia-Kirche?

Brandmüller Es ist absurd: Die Kirchen leeren sich, und die Kassen füllen sich. Erhalten wird ein sich selbst genügender teurer Apparat, der mit seinem Klappern die Stimme des Evangeliums übertönt. Hier ist in der Tat "Entweltlichung" angesagt, das heißt: ein Denken, das nicht irdisch-ökonomischen Prinzipien folgt, sondern der Wahrheit des Glaubens. Wir sollten endlich, statt ein "Christentum light" zu predigen, den Mut aufbringen, ein Kontrastprogramm zum gesellschaftlichen Mainstream von heute zu fordern und vorzuleben, was die Zehn Gebote und die Ethik des Neuen Testaments zum Inhalt haben. Dieses Kontrastprogramm zur morbiden Welt der Antike war damals ein Erfolgsprogramm. Es würde auch heute wieder seine Anziehungskraft erweisen.

(RP)