Der gute Geist Europas

Der gute Geist Europas

Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) war der letzte Universalgelehrte. Er organisierte den Wissensensaustausch über die Grenzen deutscher Kleinstaaterei hinweg. Und er verteidigte auf seinen Expeditionen jene Werte, die allgemein als europäische Errungenschaften gelten.

Zum Europäer wird Alexander von Humboldt am 5. Juni des Jahres 1799. Mit einem Postdampfer legt er im Hafen von La Coruña ab. Vor ihm liegt die Expedition, die ihn weltberühmt machen wird: jene fünf Jahre in Südamerika, während der er in Ecuador fast bis an die Spitze des 6268 Meter hohen Chimborazo steigt, der damals als höchster Berg der Welt gilt. Es ist bereits dunkel, der 30 Jahre alte Humboldt steht am Heck des Schiffes und sieht die letzten Lichter des Festlands in der Nacht verschwinden. In seinen Erinnerungen wird er später schildern, wie ihn in diesem Augenblick des "Abschieds von der Küste des Heimatlandes" die Wehmut packte. Heimatland? Humboldt war Berliner, Preuße, Deutscher, er hielt sich viel in Frankreich und auch in England auf, aber er war gewiss kein Spanier. Heimat, das machte er durch diese Bemerkung klar, bedeutete für ihn Europa.

Alexander von Humboldt wurde 1769 als jüngerer Bruder von Wilhelm von Humboldt geboren, dem Bildungsreformer und Sprachforscher. Sein Zuhause war Schloss Tegel, das er "Schloss Langeweil" nannte. Der junge Baron war ständig in Bewegung, und das idyllische Areal am See, in dem er von Hauslehrern für den preußischen Staatsdienst gedrillt werden sollte, wurde ihm bald zu eng. Mit dem Zeigefinger fuhr er über die Landkarten, er kannte keine Grenzen, und dass die Zeichnungen der südlichen Erdhalbkugel so ungenau waren und ein Schleier über ihnen zu liegen schien, ließ ihm keine Ruhe. Das Fremde zog ihn an.

Dieser Humboldt taugt hervorragend als Patron unserer Zeit. Wir sehnen uns ja nach jemandem, der die Chancen und Risiken einer überkomplexen Welt jenseits nationaler oder regionaler Grenzen abwägt. Alexander von Humboldt war so einer, damals schon. Er lebte eine liberale Weltoffenheit in einer Zeit, da man sich in Preußen patriotisch gerierte und nationalstaatlich dachte.

Humboldts Vater war vom Offizier zum Kammerherrn aufgestiegen, die Mutter stammte aus einer reichen Hugenottenfamilie und vermachte dem Sohn bei ihrem Tod ein Millionenvermögen. Das Geld nutzte der mit der Französischen Revolution liebäugelnde Alexander, der zehn Sprachen fließend beherrschte: Er beendete seine aussichtsreiche Karriere als Bergbau-Ingenieur. Er trieb seine Forschungen selbstbewusst voran, und er wollte alles wissen. Er pendelte zwischen Berlin und Paris, der Wissenschaftshauptstadt des 19. Jahrhunderts. "Er dachte über nationale Identifikationen hinaus", sagt Oliver Lubrich, Humboldt-Herausgeber und Germanistik-Professor an der Universität Bern. Und er tat das unangestrengt, beinahe arglos. Einige seiner Bücher schrieb er auf Französisch, "mancher Zeitgenosse hielt ihn sogar für einen Franzosen", sagt Lubrich. Hätte es die Europäische Union bereits gegeben, hätte man Humboldt gut und gerne einen "EU-phoriker" nennen können.

Als "Humboldtian Science" bezeichnet man noch heute sein Forschungsprinzip der "tätigen Neugier". Er wollte empirisch arbeiten, er wollte anschauen und berühren, womit er sich beschäftigte. Er verfeinerte die Methodik des genauen Dokumentierens und Vergleichens so weit, dass aus deskriptiven Disziplinen systematische wurden. Auf seinen Reisen veränderte sich sein Denken, es wurde noch beweglicher. Er knüpfte Kontakte, und er installierte Wissenschaft als paneuropäisches Projekt. Er half bei der Einrichtung von Beobachtungsstationen in Frankreich, England, der Schweiz. Den spanischen König brachte er dazu, ihm ein Visum für die Kolonien auszustellen, damit Ergebnisse und Daten auch von dort geliefert werden konnten. Humboldt hinterließ 30.000 Briefe. Er war Bildungs-Entrepreneur, er organisierte den Austausch der Weltgemeinschaft, seine Schriften waren international stärker verbreitet als die Goethes.

Heute wird Humboldt als letzter Universalgelehrte verehrt. Er ist der größte Exportschlager der deutschen Geistesgeschichte. Seit er 1859 mit fast 90 Jahren starb und vor einer Stele Karl Friedrich Schinkels in Berlin beigesetzt wurde, hat man auf der ganzen Welt Schulen nach ihm benannt. Gebirge tragen seinen Namen, Gletscher, Meeresströmungen, Pinguine, Affen, Käfer, Orchideen, Kakteen. Sogar eine Senke auf dem Mond. Die Erde war ihm nicht genug.

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Seine Kritiker, von denen Friedrich Schiller der berühmteste war, monierten, dass Humboldt, der seine Expeditionen übrigens selbst finanzierte, im Grunde nie ein harter wissenschaftlicher Erfolg gelungen sei. Er habe kein Naturgesetz ergründet, und auch über den Casiquiare-Kanal zwischen dem Orinoco und dem Amazonas, den er entdeckt haben will, war zuvor zumindest schon spekuliert worden. Außerdem sei doch erst mit der Reise Charles Darwins auf der "Beagle" im Jahr 1831 die Wissenschaft in neue Zeit geführt worden.

Das alles mag sein, doch Humboldts Leistung als Impulsgeber kann gar nicht überschätzt werden. Er förderte Künstler und Forscherkollegen großzügig. Er entlohnte die Helfer in den entlegenen Orten, die er besuchte, fürstlich. Er machte sich gegen die Sklaverei stark. Und er stieß die Entwicklung von Disziplinen wie Ozeanographie, Ökologie und Pflanzengeographie maßgeblich an. Humboldt war ein Weltbürger, dessen Arbeit zum Verständnis einer vernetzen Welt beitrug. Die Natur beschrieb er als Kosmos, in dem vom Winzigsten bis zum Größten alles miteinander verbunden ist. Und er war 300 Jahre nach Kolumbus wohl der erste Europäer, der den südamerikanischen Kontinent nicht mit kolonialen Absichten bereiste. Er wollte nicht erobern, sondern Schmetterlinge fangen.

Seine Forschungsergebnisse und Sammlungen brachte er nach Europa. Nach der Rückkehr aus Südamerika pendelte er zwischen London, Paris und Berlin. Er wurde für diplomatische Missionen in ganz Europa eingesetzt, war Botschafter in Frankreich. Humboldt stieß das Fenster zur Welt auf und pflegte den sozialen Zusammenhalt über den Kontinent hinaus. "Über die künftigen Verhältnisse von Europa und Amerika" heißt eine seiner Schriften. Seine Lehre besteht darin, über die Kleinstaaterei hinweg auf das große Ganze zu blicken. Die Lebensleistung Humboldts ist der Fortschritt.

Vor acht Jahren hat die Europäische Kommission Menschen danach befragt, welche Werte Europa am besten repräsentieren. Neben Demokratie und Menschenrechten wurden am häufigsten genannt: Solidarität, Respekt, Gleichheit, Toleranz und Selbstverwirklichung. Humboldt kann als Vordenker Europas gelten, als Hausheiliger und guter Geist. In Frankreich wird er der "Aristoteles der Moderne" genannt.

Das ist eigentlich ganz schön.

(hols)