Düsseldorf: Denkvermögen von Tieren wird unterschätzt

Düsseldorf : Denkvermögen von Tieren wird unterschätzt

Neue Studien zeigen, dass etwa Affen und Vögel komplexe Aufgaben lösen, obwohl sie kein abstraktes Sprachvermögen besitzen.

Annett und Alex sitzen sich gegenüber. Die beiden Schimpansen sehen drei identische Becher vor sich, unter denen jeweils Trauben versteckt werden. Zunächst beobachten beide, dass eine Traube unter den rechten Becher gelegt wird. Dann wird Alex die Sicht versperrt, und Annett sieht, wie ein Wissenschaftler eine weitere unter dem linken Becher deponiert. Dann fällt auch bei ihr der Sichtschutz. Als er wieder hochgezogen wird, greift Annett zielstrebig zum linken Becher. Sie hat abstrahiert, dass ihr Gegenüber von der zweiten Traube nichts wissen konnte und sich für den rechten Becher entschieden haben muss.

Dieses Experiment, genannt "Schimpansen-Schach", das am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt wurde, belegt, dass Schimpansen das Verhalten anderer Tiere voraussehen können. "Theory of Mind" nennen Wissenschaftler diese gedankliche Leistung, die lange allein dem Menschen zugerechnet wurde. Sie setzt voraus, dass ein Tier sich als eigenständiges Lebewesen wahrnimmt, das mit anderen in Interaktion tritt und dessen Pläne antizipiert, um einen Vorteil daraus zu ziehen: das schnelle Gelangen an die Traube.

Die zu den Menschenaffen zählenden Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas gelten als besonders intelligent, dennoch zeigen solche Versuche, dass sie zu noch komplexeren Problemlösungen fähig sind, als lange angenommen wurde. Gerhard Roth, Philosoph, Biologe und Direktor des Zentrums für Kognitionswissenschaften an der Universität Bremen, spricht von Meta-Kognition. "Die Tiere wissen, ob sie etwas wissen, und legen danach ihre Verhaltensstrategie aus. Erst in den letzten Jahren ist uns klar geworden, dass sie diese hohe geistige Leistung vollbringen können."

Bis dahin war es ein weiter Weg. Vor allem in den USA war lange die Idee des Behaviorismus vorherrschend, wonach Tiere nicht viel mehr sind als instinktgesteuerte Automaten. Hauptverfechter dieser Theorie waren die Wissenschaftler John B. Watson und Burrhus Frederic Skinner. "Sie lehnten es ab, sich wissenschaftlich mit der Möglichkeit zu befassen, dass Tiere denken können", sagt Julia Fischer, Professorin für Kognitive Ethologie und Leiterin des Deutschen Primatenzentrums an der Uni Göttingen.

Vor allem eine Fähigkeit galt als Grundvoraussetzung, um mehr zu sein als nur ein Wesen auf der Suche nach Partner und Nahrung: die Sprache. Für die Wissenschaft war sie der Beweis für komplexe Vorgänge im Gehirn, für Gedanken, Ideen und Strategien, die sich in Begriffen ausdrückten. Wo keine Sprache ist, da keine Denkleistung, war die knappe Schlussfolgerung, die den Status des Menschen als Krönung der Schöpfung festigte. Doch nicht nur Julia Fischer hält diesen Ansatz für überholt. So verfügten etwa Berberaffen über ein festes Repertoire an Lauten, die durchaus auf eine sprachähnliche Kommunikation schließen ließen. Auch Josep Call, Neuropsychologe am Leipziger Max-Planck-Institut, sagt: "Denken ist elementarer als Sprache. Ein Orang-Utan kann nicht sprechen, aber er nimmt einen Stab, mit dem er Essen aus einem Käfig gefischt hat, mit. Er denkt, dass er ihn auch in Zukunft gebrauchen kann."

Neben Menschenaffen sind es vor allem bestimmte Vogelarten, die mit kreativen Strategien verblüffen. Sokam der Goffin-Kakadu auf die Idee, aus einem Holzbalken längliche Splitter zu beißen, um damit an eine Nuss außerhalb seines Käfigs zu gelangen. Artgenossen ist es gelungen, ein Stück Futter aus einer Box zu holen, die nur geöffnet werden konnte, wenn das Tier fünf verschiedene Schlösser öffnet. Nachdem die Neukaledonienkrähe verstanden hatte, dass sie eine kleine Plattform senken muss, damit das Futter aus einer Plexiglashülle herauspurzelt, nahm sie einen bereitgelegten Stein zur Hilfe, als sie mit dem Schnabel nicht mehr an die Plattform gelangte. "Unter Denken versteht man allgemein das Lösen von bisher unbekannten Problemen ohne vorheriges Ausprobieren, also Versuch und Irrtum. Dazu sind zumindest einige Tiere eindeutig in der Lage", sagt Gerhard Roth.

Doch nicht nur die vermeintlichen Superhirne im Tierreich wie Affen und Vögel zeigen ungeahnte Talente. Der treueste Begleiter des Menschen, der Hund, hat in seiner 15 000-jährigen gemeinsamen Geschichte mit dem Homo Sapiens Verhaltensweisen gelernt, die auf eine beachtliche kognitive Leistung schließen lassen. Ein prominentes Beispiel ist der Border Collie Rico, der 1999 bei "Wetten, dass..?" auftrat und 77 Spielzeuge anhand ihres Namens zuordnen konnte, bis 2004 lernte er weitere 120 dazu. Artgenossin Betsy schaffte es sogar, 300 Wörter in ihren passiven Wortschatz aufzunehmen. "Was Betsy kann, schaffen nicht einmal Menschenaffen. Sie braucht ein Wort nur ein- oder zweimal zu hören, dann weiß sie, dass das Lautmuster etwas Bestimmtes bedeutet", sagt die Leipziger Kognitionsforscherin Juliane Kaminski.

Für Gerhard Roth zeigen diese Beispiele, dass sich der Mensch nicht als Krone der Schöpfung verstehen sollte. "Wir sind vielleicht die intelligentesten Lebewesen, aber nicht die klügsten."

(RP)
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