„Earthrise“: Das Foto, das alles änderte

„Earthrise“ : Das Foto, das alles änderte

Aufgänge von Sonne und Mond sind schön, aber alltäglich. An Heiligabend 1968 fotografierten die Apollo-8-Astronauten erstmals den „Erd-Aufgang“. Damit offenbarten sie die Schönheit unserer gemeinsamen Heimat – und ihre Fragilität.  

Sie kamen aus dem Schatten der ewig erdabgewandten Seite des Mondes, aus tödlicher Kälte und Dunkelheit. Gefangen in einer lachhaft winzigen Kapsel aus Aluminium, Stahl und Fiberglas, gefüllt mit Sauerstoff und Bröckchen von Erbrochenem; betrieben mit hochgiftigem Treibstoff, absurd schwachbrüstigen Computern und der frommen Hoffnung auf eine Rückkehr, die es womöglich nie geben würde.

Mit bis zu 38.959 km/h hatten sie die Erde hinter sich gelassen auf dem Weg dorthin, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen war: durch das freie Weltall zum Mond. Mehr als 72 Stunden lang hatten sie kein anderes Lebewesen gesehen, kein Tier, keine Pflanze, nicht einmal Wasser. Meistens war nichts an den Fenstern vorbeigezogen, buchstäblich: eine so lebensfeindliche Leere, dass die sibirische Tundra dagegen wirkt wie ein tropischer Regenwald.

Die letzten zwölf Stunden hatten die drei Männer fast ununterbrochen auf die Mondoberfläche gestarrt, auf aschegraues Geröll und Staub, strukturiert nur durch Krater jeder Größe. Eine wie postapokalyptische Wüste, die trotz Temperaturunterschieden von 300 Grad zwischen Licht und Schatten keine Fata Morgana erzeugt. Doch wie ein Trugbild kommt den Astronauten der Apollo-8-Mission vor, was sie an Heiligabend 1968 sehen, während ihrer vierten Mondumkreisung: die Erde.

Unwirklich schön wirkt sie, strahlt in tiefem Blau, verziert mit dahingetupften weißen Wolkenschlieren über den Meeren und Kontinenten. All das ist klar zu sehen, so dünn ist die Atmosphäre, die alles Leben ermöglicht und alles Überleben garantiert.

Auch wer nichts weiß über kosmische Strahlung und Druck, über die ganz spezielle Kombination von Atmosphärenzusammensetzung, Temperatur und Gravitation, ahnt bei diesem Anblick, dass die Erde eine unwahrscheinliche Anomalie ist. Eine Murmel in einer Seifenblase im unbegrenzten Weltall.

Der Naturfotograf Galen Rowell preist die Aufnahme später als „einflussreichstes Umweltfoto, das je aufgenommen wurde“.

Umso kurioser, dass lange umstritten blieb, wer das Auge für Bild AS08-14-2383 hatte. Ursprünglich galt Kommandant Frank Borman als Urheber des Schnappschusses aus 380.000 Kilometern Entfernung. Unzählige Male gab er stolz zu Protokoll, er habe den „Aufgang“ der Erde hinter dem Mond zuerst gesehen – während sich der eigentliche Fotograf der Mission, Bill Anders, unbeeindruckt gezeigt habe. Die ursprüngliche offizielle Abschrift der Gespräche in der Kabine bestätigte diese Version der Ereignisse: „Oh, mein Gott!“, rief Borman demnach. „Schaut euch diesen Anblick an! Die Erde geht auf. Wow, ist das schön!“ Anders habe geantwortet: „Nein, fotografier es nicht; das ist nicht im Plan vorgesehen.“

Dem Autor Andrew Chaikin erzählte der kernige Borman stolz, er habe seinem streberhaften Kollegen den Marsch geblasen („Dieses Foto ist das einzige der ganzen Mission, an das sich irgendjemand erinnern wird – nicht an deine Vulkane und Krater!“), ihm schließlich sogar die Kamera aus der Hand genommen und das „gottverdammte“ Foto selbst gemacht.

Die Geschichte ist filmreif – aber falsch. Der als Ignorant dargestellte Bill Anders war jahrzehntelang ruhig geblieben, weil er keinen öffentlichen Streit vom Zaun brechen wollte. Doch wie hätte er seine Entdeckung vergessen können? „Das war das Schönste, das ich je gesehen hatte“, sagt er, und meint besonders die Abwesenheit von Ländergrenzen auf den Kontinenten sowie den Kontrast des Gesamtkunstwerks Erde zur trostlosen, toten Mondoberfläche. Der kühle Kampfpilot spürte Gänsehaut.

Im Rückblick absurd, nennt Anders den Anblick auch „völlig unerwartet“. Die US-Astronauten standen unter dem Hochdruck des politisch-militärisch aufgeladenen „Space Race“ gegen die Sowjets. Sie waren darauf gedrillt, zum Mond zu fliegen, um dort den besten Landeplatz für ihre Nachfolger zu identifizieren – vom „Blick zurück“ sei nie die Rede gewesen: „Dafür gab es keine Anweisungen, kein Briefing, nicht eine einzige Diskussion.“ Borman habe ihm sogar explizit angedroht: „Wenn du zum Spaß aus dem Fenster guckst, feuere ich dich!“

Tatsächlich zeigen die Audioaufnahmen, die die NASA knapp 20 Jahre nach der Landung erstmals freigab, dass es der Kommandant war, der dem Fotografen verbieten wollte, die Aufnahme zu machen – allerdings im Scherz. Borman hat sich schlicht falsch erinnert. In seinem Kopf haben sich zwei Ereignisse vermischt: Erstens war da ein vorheriger Disput über das „nicht-wissenschaftliche“ Foto eines Kraters, das Borman machen und Anders mit Verweis auf den endlichen Filmvorrat verhindern wollte. Und zweitens einige Aufnahmen der erneut „aufgehenden“ Erde, an denen sich Borman gegen Ende der Mission versuchte.

Das erste Foto des „Earthrise“, das Anders macht (siehe Titelseite), ist heute praktisch vergessen. Denn seine Kamera, eine Hasselblad 500 EL, ist eine teure Spezialanfertigung – der Großteil seiner Filme aber schwarz-weiß, der besseren Auflösung wegen. Und grau in grau entwickelt das Bild ungleich weniger Wirkung.

Dessen ist sich Anders bewusst, obwohl er das fertige Foto natürlich erst Tage später nach der Landung zu Gesicht bekommen wird. Sofort fragt er den Piloten Jim Lovell nach einem der kostbaren Farbfilme – doch die Suche dauert und dauert. Erst eine Minute später – die Erde hat sich schon ein Stück weit von der Mondoberfläche wegbewegt, ihre untere Hälfte liegt aber noch im Schatten – gelingt ihm eine Farbaufnahme. Und dann noch eine zweite; zur Sicherheit.

Dann wenden sie sich wieder ihrer Arbeit zu, die später auch eine TV-Liveübertragung samt Verlesung der biblischen Schöpfungsgeschichte umfasst – gedacht als „Statement, das nicht nur Christen und Juden verstehen, sondern das auf alle Menschen wirken sollte“. Tatsächlich sehen hunderte Millionen zu.

Theoretisch ist die Entstehung der Fotos seit 30 Jahren klar, denn der Autor Chaikin hat den Beweis geliefert und Borman damit konfrontiert. Dieser sah seinen Irrtum ein und stellte das Geschehene wenig später, zum 20. Jubiläum der ersten Mondumkreisung 1988, auch öffentlich richtig. Praktisch allerdings wird die alte, falsche Version der Entstehung des ikonischen Fotos dennoch bis heute wiederholt.

Dabei hatte 2013 der NASA-Forscher Ernie Wright alle Zweifel ausgeräumt, als es ihm gelang, die exakte Position und Ausrichtung der Raumkapsel zu jeder Millisekunde der damaligen Mission zu simulieren. Ergebnis: Die Erde war nur durch Anders‘ Seitenfenster sichtbar. Wright war es dabei wichtig, Borman nicht als Lügner darzustellen: „Wir reden hier von drei überarbeiteten Männern unter Schlafmangel auf einer gefährlichen und völlig beispiellosen Reise. Dass sie sich an Details falsch erinnert haben, die für die eigentliche Mission unwichtig waren, sollte niemanden überraschen.“

Überraschend positiv ist die Wirkung des Fotos zum Ende des Jahres 1968, das zuvor von Negativ-Schlagzeilen bestimmt worden war: Zu den hunderttausenden Opfer der Hongkong-Grippe kamen die andauernden Gräuel des Vietnamkriegs, der politische Mord am großen Humanisten Martin Luther King, die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer und der schlimmste Chemieunfall der DDR-Geschichte. All das sorgte bei vielen für Fatalismus, Apathie und Zukunftsangst. Das Foto der kleinen Erde weckte eine Art Mutterinstinkt bei vielen Menschen. Anders fragte: „Warum kommen wir Bewohner dieses kleinen Planeten nicht miteinander aus?“ Sein persönliches Fazit der Mission: „Wir sind so weit geflogen, um den Mond zu erforschen – aber das Wichtigste war, dass wir die Erde entdeckt haben.“ Der Anfang für eine globale Umweltbewegung war damit gemacht.

Sieben Monate nach der ersten Annäherung an den Mond steht Neil Armstrong auf dessen Oberfläche und entdeckt, dass er die Erde mit seinem Daumen komplett verdecken kann. Ob er sich dabei nicht sehr groß gefühlt habe, wird er später gefragt. „Nein“, antwortet er, „sehr, sehr klein.“

Weil plötzlich verschwunden war, was man erst an der Erde zu schätzen lernt, wenn man sie aus der Ferne betrachtet: Dass sie eine Oase ist in der lebensfeindlichsten aller Wüsten – voller Wärme, Wasser, Leben. Der kleinste gemeinsame Nenner für Menschen aller Nationalitäten, Weltanschauungen, Hautfarben. Ein gemeinsames, alternativloses Zuhause mit sehr begrenzten Ressourcen, in dem alle miteinander leben müssen. Oder sterben.

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