Düsseldorf: Das Bundesverdienstkreuz wird 60

Düsseldorf: Das Bundesverdienstkreuz wird 60

Die Bundesrepublik Deutschland ehrt jedes Jahr Menschen, die sich besonders für das Gemeinwesen einsetzen. Das Bundesverdienstkreuz ist die höchste Auszeichnung, die jemand für Engagement erhalten kann. Heute vor 60 Jahren hat Theodor Heuss sie zum ersten Mal vergeben.

Franz Brandl arbeitet nach dem Krieg im Kupferbergwerk Sontra in Hessen. Er befindet sich mit zwei Kollegen in etwa 300 Meter Tiefe, als er einen Wassereinbruch entdeckt. Anstatt sein eigenes Leben zu retten, kehrt er um und beginnt den mühevollen Aufstieg mit seinen beiden Kameraden gemeinsam. "Meter für Meter mussten wir uns vorarbeiten. Ständig drohte das Wasser unsere Karbidlampen auszulöschen", berichtet Brandl später. Für diese Rettungstat erhält Franz Brandl das erste Verdienstkreuz vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Das war am 7. September 1951.

Seitdem haben etwa 243 000 Menschen den "Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland" erhalten. Gestiftet wurde der Orden von Theodor Heuss. Heuss wollte mit der Auszeichnung diejenigen würdigen, die hervorragende Leistungen für das Gemeinwesen erbracht haben. Heuss schreibt damals fest: "Er wird verliehen für Leistungen, die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienten, und soll eine Auszeichnung all derer bedeuten, deren Wirken zum friedlichen Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland beiträgt." Eine finanzielle Zuwendung ist mit der Ehrung nicht verbunden.

Einen Orden zu bekommen, ist nicht leicht. Jeder Bürger kann einen anderen für die Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz vorschlagen. Dazu wendet er sich an die Staatskanzlei des Bundeslandes, in dem der mögliche Würdenträger lebt. Handelt es sich um einen nicht-deutschen Staatsbürger, so ist das Auswärtige Amt für den Vorschlag zuständig. In einem formlosen Schreiben sollten der Name, die Anschrift, das Geburtsdatum sowie die Darstellung von Art und Umfang der besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland und das allgemeine Wohl festgehalten werden. Referenzpersonen oder Organisationen, die zu dem Vorschlag Stellung nehmen können, sollten auch erwähnt werden. Wer sich selbst vorschlägt, wird keinen Orden erhalten. Die Anträge werden eingehend geprüft.

Doch trotz des Aufwandes, der betrieben wird, um die Vorschläge zu prüfen, passierte es in der 60-jährigen Geschichte, dass auch schwarze Schafe die Auszeichnung erhielten. In Nordrhein-Westfalen sorgte 1964 beispielsweise der Fall von Heiner Bütefisch für Aufsehen. Der Essener Manager saß im Aufsichtsrat der Ruhrchemie AG in Oberhausen und wurde von Mitgliedern des Bundesverbands der Deutschen Industrie wegen seiner hervorragenden Leistung für den Orden vorgeschlagen. Das Düsseldorfer Ordenreferat prüfte beim Verfassungsgericht und beim Justizministerium, ob gegen Bütefisch etwas vorliege. Das war offenbar nicht der Fall. Deswegen empfahl die Kanzlei Bütefisch für die Auszeichnung – der damalige Bundespräsident, Heinrich Lübke, unterzeichnete die Verleihungsurkunde und schickte sie samt Orden zurück nach Düsseldorf, wo Bütefisch die Plakette erhalten hat.

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Seine Freude währte nur 16 Tage. Denn ein Mann aus Süddeutschland hatte Bütefisch erkannt. Dieser saß nicht nur im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns, sondern im Jahr 1948 auch bei den Nürnberger Prozessen – und zwar auf der Anklagebank. Bütefisch, ehemaliger Chef der mitteldeutschen Leunawerke der IG Farben, war wegen "Ausbeutung der Arbeit von KZ-Insassen" von den Alliierten zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Solche Fehler geschehen selten. Seit 1991 werden jährlich zwischen zwei- und fünftausend Personen mit dem Kreuz geehrt. So auch die Band Rosenstolz: Die Musikgruppe wurde für ihre Verdienste im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit AIDS ausgezeichnet. Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit, überreichte den Orden am 31. August dieses Jahres. Auch sportliche Leistungen sind der Ehrung würdig: Der Bundestrainer der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Joachim Löw, erhielt das Bundesverdienstkreuz im vergangenen Jahr. Der Bundespräsident übergab die Plakette persönlich, auch Angela Merkel war anwesend.

Interessanterweise erhalten mehr Männer die Auszeichnung als Frauen. Mitte der 90-er Jahre hat Roman Herzog, damaliger Bundespräsident, sich zum Ziel gesetzt, dass 30 Prozent der Ausgezeichneten künftig weiblich sein sollen. In den 90-ern lag diese Zahl nämlich unter 20 Prozent. Den Grund vermutete das Bundespräsidialamt damals darin, dass Frauen ihren Dienst versehen, "ohne großes Aufheben darum zu machen". Männer schlagen Männer vor, so die Theorie. Immerhin hat sich das Verhältnis verbessert, und das Ziel Herzogs wurde erreicht: 2010 waren 31 Prozent der Kreuzträger weiblich. Zu ihnen zählen die Publizistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (2005) sowie die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch (2010).

(RP)
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