Düsseldorf: Christ und Atheist im Streit über Gott

Düsseldorf : Christ und Atheist im Streit über Gott

Norbert Blüm streitet mit Peter Henkel: Ein Gottgläubiger und ein Gottesleugner auf intellektueller Klettertour. Beide empfinden es als grässliche Vorstellung, dass wir Menschen allein und ohne Gott durchs Weltall rasen.

Voltaire: "Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden." Darauf Gottesleugner Diderot ätzend: "Was der Mensch dann ja auch getan hat."

Minister a. D. Norbert Blüm, als Werkzeugmacher, Opel-Malocher, Philosoph ein bodenständig-intellektueller Mix der seltenen Art, ist als Christ und Gottgläubiger "mit nicht stets bombenfestem Theismus" – wenn überhaupt – näher bei Voltaire. Peter Henkel, Journalist, Philosoph, Atheist, gehört auf die Seite Diderots. Gott, Glaube, Religion: für Henkel nichts als eine Erfindung der Menschen. Die Bibel? Für Blüm die Heilige Schrift, die selbst ein zynisches Schlitzohr wie Bert Brecht auf die einsame Insel mitgenommen hätte. Henkel bleibt beim Thema Bibel unter seinem Niveau, nennt sie platt eine Märchenerzählung, teilweise reif für Hollywood.

Blüm (Jahrgang 1935) und Henkel (1942), der Christ und der Atheist, kreuzen in einem aufregenden, anregenden Streitbuch über Gott die Klingen. Das schlägt Funken. Über sieben Monate hinweg haben sich die beiden zwanzig Briefe geschrieben. Das Unternehmen gleicht einer geistigen Gebirgstour. Hin und wieder kommen bodennahe Vergleiche in den Sinn, Ringkämpfe etwa, bei denen Christ und Atheist zu Griffen ansetzen, die dem anderen weh tun. Ansonsten: Suaviter in modo, fortiter in re – mild in der Form ("Lieber Norbert Blüm", "Lieber Peter Henkel"), hart in Sache. Niemand erringt einen Schultersieg. Gewinner: der Leser.

Es geht um IHN, den Allerhöchsten, Unerklärbaren (für Blüm), den Nicht-Vorhandenen (für Henkel). Die Frage nach Gott durchzieht die Menschheitsgeschichte. An Versuchen zur Beweisführung für Existenz beziehungsweise Nicht-Existenz haben sich die hellsten Köpfe beteiligt. Vergebliche Müh'. Auch die Klettertour von Christ und Atheist führt nicht zum Gipfelkreuz der Erkenntnis. Jedoch, dabei zu sein, wie sich die beiden argumentativ anstrengen, wie sich Blüm und Henkel bei allem scharfem Widerspruch, aller intellektueller Gegnerschaft respektvoll behandeln – das ist Wohlklang im sonst oft zänkischen Talkshow-Geplapper.

Henkel versagt sich allzu vulgäre Ausfälle nach Art von Christenhassern vom Schlage eines Richard Dawkins. Blüm tritt nicht in der Rolle des Hundertfünfzigprozentigen auf, der das arme Heidenkind zurück auf den rechten Pfad des Glaubens bugsieren will. Wo der Christ Blüm "Geheimnis des Glaubens" meint und daran erinnert, dass den Menschen die Sehnsucht nach einem Gott wesenseigen sei, kommt der Atheist Henkel kühl daher: Dass die Menschen es gerne hätten, wenn so etwas wie Gott existierte, mache den Glauben an ihn um keinen Deut besser.

Blüm bleibt hartnäckig und lockt: "Sie, Herr Henkel, finden die Vorstellung, dass wir ohne Gott einsam durch den Kosmos rasen, grässlich und grauenvoll – so wie ich auch. Ist in diesem Eingeständnis nicht doch ein unausgesprochenes Heimweh nach Gott enthalten?" Henkel knickt nicht ein, wenn Blüm raunt, niemand sei im All so sehr allein wie ein Gottesleugner. Der Atheist muss damit zu leben lernen; der Wunsch, es möge ein Gott sein, ist ihm eben kein Beleg dafür, dass es auch so sei. Blüm: "Ihre Gottlosigkeit ist so erschütterlich wie meine Gottgläubigkeit." Sodann: "Sie sagen es so schön: Ich bin mir sicher, und zugleich kann ich nicht ausschließen, grandios falsch zu liegen."

Henkel räumt ein, dass unzähligen anderen Menschen ihr Glaube ein Halt war im Leben wie im Sterben. "Sei das aber ein Gottesbeweis? Nein." Blüm wartet dazu mit der Geschichte seiner todkranken Oma auf, ein wenig rührend, ans Herz gehend, aber: "Gott ist eben keine reine Gedankensache. Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt" (Blüm). Oma Lieschen hatte Leberkrebs im Endstadium. Die tief gläubige Frau lag wimmernd vor Schmerzen auf dem Sterbebett und haderte mit ihrem Gott, ja sie fluchte Gott. Enkel Norbert erinnert sich: "Das fromme Lieschen verstand den gerechten Gott nicht mehr. In ihrem Aufstand in der Sterbestunde sehe er die Rebellion der Menschen, die Gott nicht verstehen und doch wissen, dass es ihn gibt.

Henkel schreibt von familiärem Leid und erwähnt die großen Menschheits-Katastrophen. Es gebiete die intellektuelle Redlichkeit, Gott freizusprechen von der Verantwortung für irdisches Elend, eben durch die Annahme, dass er nichts anders sei als ein Produkt menschlichen Hoffens. Durst schaffe kein Wasser herbei.

Blüm kontert, mit der Geburt des Gottessohnes habe sich die Welt verändert. Dessen Botschaft sei freundlicher als fast alles, was das Christentum überwinden musste. Ohne Jesus gäbe es auch keinen Franz von Assisi, keine Mutter Teresa, keinen Maximilian Kolbe in Auschwitz, keinen Kölner Dom, keinen Michelangelo, keinen Johann Sebastian Bach.

(RP)
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