Hotel Mama: Studieren im Kinderzimmer

Hotel Mama : Studieren im Kinderzimmer

Wirtschaftspsychologie-Student Tom Schneider lebt wie ein Fünftel der deutschen Studenten noch zu Hause bei den Eltern - schlimm findet er das nicht. Im Gegenteil.

Wenn Tom Schneider zur Uni muss, steht er zwei Stunden vor Seminarbeginn auf. Er macht sich fertig, schnappt sich eine Banane für den Weg und dann fährt er von Monheim 30 Kilometer mit Bus und Bahn zu seiner Hochschule in Köln.

"Von Tür zu Tür bin ich etwa 40 Minuten unterwegs", sagt er. "Bei schönem Wetter fahre ich auch mal mit dem Motorrad." Wenn abends noch eine Party ist, schafft er es oft nicht mehr nach Hause. So spät fährt meistens kein Bus mehr. "Ich kann aber immer bei Freunden übernachten, wenn wir feiern gehen", sagt der Wirtschafts-Psychologiestudent.

Tom gehört zu gut einem Fünftel der deutschen Studierenden, die noch bei ihren Eltern leben. Das geht aus der 20. Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage hervor, die das Deutsche Studentenwerk regelmäßig erhebt. Demnach wohnen die meisten Studenten zwar in Wohngemeinschaften - nämlich 29 Prozent. Mit 23 Prozent ist das heimische Kinderzimmer jedoch die zweithäufigste Wohnform - und das geschlechterübergreifend.

Wenn es aber um die gewünschte Art zu wohnen geht, klafft eine Lücke. Nur sechs Prozent der Studenten würden, wenn sie wählen könnten, freiwillig bei den Eltern bleiben. Ein Drittel würde am liebsten mit dem Partner in einer gemeinsamen Wohnung leben.

Gleich dahinter liegen die Wohngemeinschaft (27 Prozent) und die Single-Wohnung (26 Prozent) als Wunschwohnform. Im Studentenwohnheim wollen lediglich neun Prozent der Befragten gerne unterkommen. Wer es sich nicht leisten kann, in eine eigene Wohnung oder WG zu ziehen, für den sei das Wohnheim die beste Alternative, so Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks in Berlin.

Er findet es wichtig, dass sich junge Leute nach Abschluss der Schule vom Elternhaus abnabeln (siehe Interview). Selber für sich sorgen, neue Leute kennenlernen und eine neue Stadt erkunden - wichtige Prozesse, die ein Auszug mit sich bringt. Wer weit weg vom Studienort lebt, dem droht zudem, Veranstaltungen, Partys oder spontane Treffen nach der Uni zu verpassen.

Das Gefühl, dass ihm etwas entgeht, hat Tom nicht. "Ich unternehme sehr viel mit meinen Kommilitonen", sagt er. "Nach der Uni gehen wir mal ein Bier trinken oder grillen im Sommer. Das Pendeln beeinflusst mein Freizeitverhalten eigentlich gar nicht."

Klar nerve es manchmal, weil auch mal eine Bahn ausfällt und er dann länger unterwegs sei, aber damit hat er sich abgefunden. Der 22-Jährige gibt, wie viele andere, finanzielle Gründe an, warum er nicht auszieht. Er studiert an einer privaten Hochschule, die hohen Mietpreise in Köln tun ihr Übriges.

"Eine Wohnung in Köln in Verbindung mit den Studiengebühren wäre zu teuer", sagt er. "Da Monheim in der Nähe ist, habe ich mich für das Pendeln entschieden." Ein Exot sei er nur bei seinen Kölner Mitstudenten, die fast alle alleine wohnen. "In Monheim sieht das anders aus", sagt er. "Da wohnen noch viele meiner Freunde bei ihren Eltern."

Tom ist zufrieden mit seiner Wohnsituation. Wie mehr als die Hälfte der Studenten, die für die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks befragt wurden. Könnte er jedoch wählen, würde er am liebsten mit Freunden in einer Wohnungsgemeinschaft in Köln leben. "Der Weg zur FH wäre kürzer und ich glaube, ein WG-Alltag mit den richtigen Leuten macht das Leben noch viel spaßiger, als es so schon ist."

(RP)
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