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Professorin Edda Pulst über die Folgen exzessiven Multitaskings

Kolumne Dozentenleben : Erleben üben – Jetzt!

Dies ist ein flammender Appell für die Entschleunigung unseres Alltags. Exzessives Multitasking verwirrt die Gedanken und raubt Phantasie und Konzentration, davon ist unsere Autorin überzeugt. Beispiele aus der Praxis hat sie jede Menge.

„Nicht jetzt“ antwortet die Studentin auf meine Bitte zum Rollenspiel. Es gilt, mit einer guten Geschichte das Interesse des Topmanagers ihrer Wunschfirma zu wecken.

„Nicht jetzt, bin busy, wichtiges Meeting“ – sind gern genannte Gründe für Phantasie fressende Phänomene. Die Studentin offenbart, dass sie sich kaum länger als 90 Sekunden konzentrieren kann. Sie bevorzugt Kurzfassungen. Infoschnipsel ergoogelt sie in Sekunden. Alle paar Minuten verschickt sie Nachrichten, öffnet 40 mal pro Stunde ihren Maileingang, folgt parallel Leuten auf Instagram. Sie schlüpft virtuell in Kleider, schickt davon Fotos in entsprechender Pose an den Hersteller. Influencer, deren dünner Lebenslauf kaum eine halbe DIN A4-Seite füllt, sagen ihr, wie Wohnung und Gesicht auszusehen haben. Ihre Einkäufe tätigt sie per Klick – als eine von weltweit 849 Millionen Online-Käufern. Sie wartet auf den Lieferdienst statt auf Freunde.

In Firmen sind längst Awareness-Berater im Einsatz: Sie suchen mit digital Getriebenen nach Auswegen. Zügellose Smartphone-Nutzer können Forschern zufolge echte Emotionen nicht mehr richtig deuten. Ihre Empathie nimmt ab. Sie schlafen weniger. Exzessives Multitasking verwirrt die Gedanken. Mit jeder Unterbrechung muss sich das Gehirn neu orientieren. Digitale Endgeräte animieren zum Wegspeichern und Vergessen. Das Netz lockt die Aufmerksamkeit an, um sie zu zerstreuen. Goldfische haben eine Aufmerksamkeitsspanne von neun Sekunden – viele Smartphone-User liegen darunter.

Abhilfe verschafft altmodisches Geschichtenerzählen – neudeutsch „storytelling“ genannt. Echte Erzählungen machen nachweislich glücklicher als Tausende von Chats. Die Geschichtenerzähler in Marrakech gehören mit Recht zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. In meinem Buch der 100 besten Ausreden übertreffen die arabischen Studenten ihre deutschen Kommilitonen bei weitem. Während in Deutschland zu Prüfungen langweilige Atteste per Mail eintrudeln, raunen mir die Prüflinge in Arabien kleine Lügen ins Ohr, die Sackgassen in Kreuzungen verwandeln. Meine arabischen Freunde definieren als Basis für gutes Erzählen das „Sitting“. Hier und Jetzt. In den Himmel schauen. Staunen. Geschehen lassen, dass Geschichten entstehen. Das eigene Herz verschenken statt belanglose Herzen in den Digitalorbit tippen. Weniger Termine und Sachen – die eigene Person nicht allzu ernst nehmen.

Mal einen Tag ohne Smartphone. Eine lange Weile das Gehirn in Ruhe lassen. Mit der Natur verabreden, nicht mit dem Hamsterrad.

Erleben üben – statt überleben. Jetzt.