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Professorin Edda Pulst über Desk-Sharing und Homeoffice

Kolumne Dozentenleben : Ort der Verbindlichkeit

Die Pandemie hat uns gelehrt: Virtuelle Zusammenarbeit kann sehr gut funktionieren. Aber die digitale Arbeitswelt hat nicht nur Vorteile. Der persönliche Austausch und das direkte Gespräch sind unverzichtbar.

Ich grusele mich vor dem senkrechten Glassarg. Mitten im Großraumbüro wartet er auf den Auftritt: Als Ort der Ruhe, in den sich Mitarbeiter trotz Geschäftigkeit ringsum zum Mobil-Telefonieren zurückziehen. Telefon-Särge stehen oft in Firmen mit dem Zusatz „Campus“ im Namen.

Meine wöchentlichen Campus-Firmen-Besuche informieren Studierende über ihre künftige Arbeitswelt. Meist befinden sich alle Arbeitsplätze in einem Raum, der über mehrere Geschosse reicht. Offene Grundrisskonzepte für bis zu 5000 Mitarbeiter sind keine Seltenheit. Möbel und Glas markieren Besprechungsbuden.

„Desk-Sharing“ lautet das Zauberwort: Mitarbeiter nehmen ihren zugewiesenen Container und „connecten“ sich an einem x-beliebigen Schreibtisch mit ihrer elektronischen Arbeitswelt – dazu das Homeoffice als Alternative. Die Leere bedrückt. Büros mit Gammelpalme ereilt das Schicksal der Schreibmaschine. Im Jahr 2025 sollen 50 Prozent aller Aufgaben digitalisiert sein. Möglich, dass meine Studierenden Roboter-Gruppen führen.

Firmen kalkulieren aktuell schon 20 Prozent weniger Fläche und Schreibtische als Mitarbeiter. Das spart Energie und Kosten. Die Pandemie hat gezeigt: Virtuell zusammen arbeiten – es funktioniert. Nur noch 13 Prozent der Deutschen wollen ihre Zeit im Büro verbringen. Die beliebtesten Homeoffice-Tage sind Montag und Freitag.

Meine Studierenden sind digital aufgewachsen. Experten zufolge fahren sie Lebenspläne „auf Sicht“ und schlagen bei günstigen Situationen zu. Angeblich suchen sie in „New Work“-Angeboten nach maximaler Flexibilität. Derartige Atomisierungswünsche wirken auf ältere Kollegen befremdlich.

Klar, Hamsterräder lassen sich infrage stellen, das Kerngeschäft der Firma meist nicht. Geschäft schafft Gehalt. Daher sind die Unternehmensziele mit den eigenen abzugleichen: Identifikation ersetzt Influencer.

Irgendwann sind auch Ergebnisse zu liefern: Chirurgen, Piloten und Ingenieure machen es vor. Geldverdienen im Grenzbereich zwischen Homeoffice und virtueller Gruppe – danach das „richtige“ Leben im Fußballstadion oder am Komfortgrill – ein heikles Unterfangen.

Ich glaube an den Campus als Ort der Verbindlichkeit: Er bietet Homeoffice-Einzelkämpfern die Erfahrung des Wir-Gefühls. Identität entsteht nicht in virtueller Isolation, sondern in echter Interaktion. Physische Präsenz ist unverzichtbar, um Konflikte angemessen lösen zu lernen. Echte Kontakte machen Ergebnisse zu Erlebnissen.

Den Telefon-Sarg können wir daher getrost vergessen oder zum Aquarium umfunktionieren. Darauf freue ich mich.