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Luis Küffner über das Glücksspiel Bahnfahren

Kolumne Studentenleben : Glücksspiel Bahnfahren

Pünktlich mit der Bahn fahren ist Glückssache, das erlebt unser Autor regelmäßig. Dass Ungeduld und selbstgemachter Stress in dieser Lage aber leider nichts bringen, muss er noch lernen.

Ich sitze in der Bahn. Sie steht am Bahnhof, aber sie fährt nicht los. Minuten vergehen, Leute verändern hastig ihre Sitzpositionen, und die Ansammlung seufzender Laute und genervter Fensterblicke verdichtet sich zu einem unruhigen Schwarm. Guten Morgen. Dass auch ich ein stummer Teil dieser Vorstellung bin, merke ich daran, wie zunehmend ein Druck auf meiner Brust entsteht. Mich schiebt es innerlich in den Sitz während ich gleichzeitig versuche, imaginär mit größter Anspannung und Kraft diesen verdammten Zug anzuschieben. Doch nichts geschieht, es stemmt mich ein schweres Gegengewicht auf meiner Jagd nach einem produktiven Tag.

Denn natürlich habe ich keine Zeit zu warten, wie denn auch? Schließlich muss ich jetzt nach dem Klavierüben versuchen, möglichst schnell und möglichst viele Dinge meiner gigantischen To-Do-Listen-Matrix abzuarbeiten. Da wäre halt keine Zeit für ein kurzes Innehalten an einem duftigen Morgen, an dem mir die Sonne mein kühles Gesicht durch das Bahnfenster benetzt.

Nachdem ich zuvor auch noch rund 50 Meter gesprintet bin, nur um diese seit nun wahrscheinlich sieben Minuten stehende Bahn zu packen, spüre ich etwas außer Atem, wie sich die frische Morgenluft in meinen (heute noch nicht verrauchten) Lungen ausbreitet. Die Bahn steht immer noch. Wahrscheinlich sind es inzwischen zehn Minuten, in denen ich was weiß ich was hätte erledigen können.

Ich starre aus dem Fenster. Und langsam realisiere ich, dass meine Ungeduld nichts bringen wird. Wieder einmal befinde ich mich in den Glückspielhallen der Bahn, in denen man nicht zufallsbasiert mit Geld spielt, sondern mit Minuten gewinnt oder verliert.

Nach meiner gedanklichen Ankunft hole ich mir einen Drink, lasse am Roulettetisch drehen und gewinne auf merkwürdige Weise plötzlich circa vier Minuten. Ich phantasiere über meinen Minuten-Gewinn und merke dabei, dass ich in einer so wenig beeinflussbaren Situation wie im Volkssport Bahn-Warten, meine Fahrtverzögerung als einen Moment gedanklicher Entschleunigung umdeuten kann. Es wird mir wirklich nichts Schlimmes passieren, wenn ich diese paar Minuten später irgendetwas anfange zu machen.

Bitte hör auf dich zu stressen, echt jetzt. Ich zucke kurz zusammen, als ich zurück in der Realität mit halb-offenem Mund unter der Maske spüre, wie die Bahn endlich losfährt.