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Kolumne Studentenleben: Joschua Poschinski und eine Meditationsanleitung

Kolumne Studentenleben : Deutsche Meditationsanleitung

Es gibt viele Gründe sich aufzuregen – vom lauten Sitznachbarn an der Uni bis zu den Spritpreisen. Unser Autor begegnet dem Alltagsärger mit tiefem Ein- und Ausatmen und einer speziellen, ironischen Entspannungsübung.

Wenn Sie nicht ohnehin schon auf der Couch liegend aufs Handy starren oder am Frühstückstisch die Tageszeitung in der Hand halten, dann machen Sie es sich jetzt gemütlich. Schließen Sie die Augen. Blenden Sie für einen Augenblick aus, dass der Sprit immer teurer wird, Studierende zu spät in die Rentenkasse einzahlen oder dass im KitKat seit letztem Jahr nur noch vier statt fünf Riegel stecken – zum gleichen Preis versteht sich. Atmen Sie tief ein und spüren Sie den Druck Ihres Körpers auf dem Stoff unter Ihnen. 

Wie geht es Ihnen heute? Verspüren Sie die Lust, Ihrem Sitznachbar nun mitzuteilen, was die Medien hier schon wieder für einen Quatsch schreiben, oder möchten Sie vor Wut lieber ein paar Sozis verteufeln, weil sie Systempolitik fahren? Liegen Ihnen Sprüche wie „Ich wusste gar nicht, dass es bei uns auch Kamele gibt“ auf der Zunge, wenn jemand zu laut kaut, oder „Willst du noch Akkordeon spielen lernen, oder warum dauert das so lange?“ Unterlassen Sie das.

Konzentrieren Sie sich stattdessen auf Ihre schwerer werdenden Arme und Beine; fallen Sie aber nicht um, falls Sie doch stehen sollten – und horchen Sie in sich hinein. Ignorieren Sie Gedanken über die Lautstärke des Nachbarn, der tatsächlich noch etwas Spaß hat, und bei denen Ihr Blut zu kochen beginnt. Und wenn Sie sich aufregen möchten, tun Sie es nicht jetzt, sondern später. Verinnerlichen Sie das auch fürs nächste Mal, wenn Sie sich echauffieren möchten.

Spüren Sie die Ruhe? Noch nicht? Dann atmen Sie nochmal ein. Halten. Ausatmen. Stellen Sie sich einen Strand vor, blauer Himmel, türkisfarbenes Wasser. Irgendwo, wo Sie jetzt gerne wären, wo Sie die Leute super bodenständig finden, sie aber nicht gern als Nachbarn hätten. Palmen ragen über den goldgelben Sand, tausende fünfrieglige KitKat-Verpackungen gleiten über die auf und ab schaukelnde Wasseroberfläche und die Sonne strahlt Ihnen die wohltuenden UV-Strahlen ins Gesicht. Spüren Sie die Wärme? So, genug jetzt, sonst gibt’s Hautkrebs.

Denken Sie lieber an den warmen Motor Ihres geleasten Neuwagens. Toll, wie das so schön brummt, der Golf GTI, fühlt sich an wie ein richtiger Porsche. Da schwirrt Ihnen gleich noch die billige Küche von Roller um den Kopf – sehen Sie, wie sie vor Ihrem dritten Auge schwebt? Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Küche auch noch billiger im Internet schießen, und sich dann wundern, dass die lokalen Unternehmen weichen, obwohl Sie doch so gerne da durch laufen, um sich von der Qualität zu überzeugen. Was ein wohliges Gefühl!

Langsam dürfen Sie jetzt wieder zu sich kommen, den Grund unter sich spüren. Atmen Sie ein, atmen Sie aus. Sie dürfen die Augen nun wieder öffnen.