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Kolumne Studentenleben: Ein Appell für mehr Entscheidungsfreude

Kolumne Studentenleben : Die neue Unverbindlichkeit

Die Welt um ihn herum ist oberflächlicher geworden, findet unser Autor. Er hat auch bei sich selbst eine mangelnde Entscheidungsfreude bemerkt. Ein Appell für mehr Verbindlichkeit und klare Aussagen.

Mir ist zuletzt klar geworden, dass ich in den vergangenen Jahren einem schleichenden Trend verfallen bin: Mir fiel es zuletzt zunehmend schwerer, Entscheidungen zu treffen. Einmal reflektiert, habe ich mich natürlich umgehend bemüht, diese Entwicklung aufzuhalten und alles besser zu machen. Wie das bei guten Vorsätzen so üblich ist, ging das dann etwa drei oder vier Wochen gut. Ich bin mit diesem Verhalten jedoch bei weitem nicht alleine.

Wieso sind alle so schrecklich unverbindlich geworden? Es fängt bei den Kurznachrichten an. „Hey, hast du Lust einen Kaffee trinken zu gehen?“. Als Antwort kommt selten ein einfaches „Ja“ oder „Nein“, meist ist es eher ein vages „Klar, kann aber erst so ab 14 Uhr wenn meine Vorlesung vorbei ist. Und ich bin um 15:30 Uhr auch schon wieder verabredet.“ Somit liegt die Verantwortung wiederum bei mir, für mein Gegenüber eine Entscheidung zu treffen. Da ich nun aber momentan so dermaßen entscheidungsfaul bin, schreibe ich: „Ja, musst du wissen. Kannst ja nachher nochmal Bescheid geben.“ Oder so etwas wie: „Hmm, ist dir das zu stressig?“. Einen Vorstoß oder gar eine Entscheidung für mein Gegenüber implizieren diese Aussagen nicht, es ist ein leidiges Zuschieben der Verantwortung um eine Entscheidung.

Wenn man auf Instagram etwa auf die Story-Funktion zugreift, gibt es die Möglichkeit, darauf mit einem Emoji-Button zu reagieren. Auch auf die Nachrichten des integrierten Messengers kann man ganz einfach reagieren, ohne antworten zu müssen. Per Doppelklick „liked“ man einfach die erhaltene Nachricht. Ein, „ist ja gut, hab’s gesehen“ quasi, ohne wirklich eine Aussage treffen zu müssen.

Im echten Leben geht das nahtlos weiter. Auf Wohnungssuche erhält man selten eine ganze Zusage, sondern immer nur eine halbe, mit dem Verweis auf die große Nachfrage. Rückrufe werden nicht abgenommen, Nachfragen so gut wie nie beantwortet. Auf Jobsuche werden vielleicht drei von zehn nicht-erfolgreicher Bewerbungen freundlich abgelehnt.

Warum sind denn nun alle so schrecklich unverbindlich geworden? Die Antwort sollte auf der Hand liegen. Stichwort „social distancing“. Durch den Lockdown ist dieser Zustand noch krasser geworden. So musste ich mich kein einziges Mal vor einem Dozent rechtfertigen, wenn ich mich völlig verspätet heimlich noch in einen Online-Kurs eingeloggt habe. In der Realität wäre es mir so unangenehm gewesen, vor einem ganzen Hörsaal die Ränge hochzuschleichen, dass ich mir wohl genau überlegt hätte, ob ich noch einmal zu spät erscheinen möchte. All diese Dinge färben ab, auch auf mich. Aber das sollte weder eine Rechtfertigung, noch eine wehleidige Entschuldigung für zukünftige Fehltritte sein. Und deshalb finde ich, darf man sich ruhig wieder verbindlich zeigen. Treffen zusagen, Absagen aussprechen und die Verantwortung dafür auf sich nehmen. Man sollte seine Mitmenschen nicht im Ungewissen lassen. Es war zwar noch nie so leicht sich zu drücken. Auf der anderen Seite jedoch war es auch noch nie so leicht jemanden zu erreichen und sich dafür gerade zu machen, was man verbockt hat.