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Karin Wilcke über Streber und falsche Bescheidenheit

Kolumne Dozentenleben : Du Streber!

Wer hierzulande gute Noten hat, wird schnell als Ehrgeizling abgestempelt, meint unsere Autorin. Sie findet: Bescheidenheit ist nicht immer eine Tugend. In Sachen Selbstvermarktung können wir von den Amerikanern lernen.

Waren Sie schon mal in den USA? Da erzählen Ihnen Zufallsbekanntschaften auf der Straße ungefragt, dass sie in X oder Y besonders gut seien oder sie schon eine Auszeichnung für irgendetwas erhalten haben. Offensichtlich sind alle stolz darauf, etwas Besonderes geleistet zu haben – Klassenbeste, Teambeste oder gerade Mitarbeiter des Monats zu sein. Wer das geschafft hat, ist stolz darauf und zeigt das auch. Um das zweite „stolz“ in dieser Einleitung zu vermeiden, habe ich nach einem Synonym gesucht, aber nur Abwertendes wie „sich brüsten“ gefunden. Das sagt schon alles über unsere Einstellung zu diesem Gefühl. Hierzulande werden Berichte über eigene Erfolge meist mit den Worten: „Man soll sich ja nicht selber loben, aber…“ eingeleitet. Hier entschuldigt man sich eher für eine gute Leistung und muss unbedingt beteuern, dass man dafür aber auch wirklich gar nichts getan hat. Denn sonst droht die übelste aller Beleidigungen, sogar in der für ihre Vielfalt an herabsetzenden Ausdrücken bekannten Jugendsprache: „Du Streber.“

Die anderen Schimpfworte wechseln so häufig, dass es jährlich neu erstellte Listen gibt, die für Erwachsene mal sehr lustig, mal staunenswert, mal schockierend sind. Doch das bösartige alte „Streber“ ist unausrottbar.

Hier in dieser Zeitung war kürzlich zu lesen, dass eine 15-Jährige, die von der Bürgerstiftung Düsseldorf ein Stipendium für ihre besonders guten Leistungen in der Schule erhält, sagt: „Wenn mich jemand aus der Klasse dafür Streber nennt, nehme ich das als Kompliment.“ Gute Einstellung. Und seltene Einstellung. Vor allem für ein Mädchen.

Wenn Sie Abiturientinnen nach der Abi-Note fragen, hören Sie oft: „Ganz gut.“ Das heißt dann, dass sie ein Einser-Abi haben. Nur nebenbei: Für Jungs bedeutet „ganz gut“ übrigens oft „gerade so bestanden“. Aber ausnahmslos alle, die hervorragende Noten haben, beteuern mir in der Beratung, keine Streber zu sein.

Wir übernehmen so viel Quatsch von den Amerikanern, bei dem es im Wesentlichen um Vermarktung und das Verkaufen geht. Lassen Sie uns doch mal die Wertschätzung für die Leistung Einzelner übernehmen und die Selbstvermarktung – ohne Neid – unterstützen. Vermitteln wir den Guten und den Fleißigen, dass sie wirklich stolz auf sich sein dürfen! Nicht nur Black Friday, sondern auch mal Best Student. Congrats!