Baby und Studium: "Den perfekten Zeitpunkt gibt es nie"

Baby und Studium : "Den perfekten Zeitpunkt gibt es nie"

Ein Baby während des Studiums - Susan Lee berichtet, wie sie beides vereinbaren konnte.

David ist gut gelaunt. Kichernd sitzt er in seinem Buggy und lässt sich durch die Uni schieben. An Tagen wie diesen ist Susan Lee froh, dass sie vor 18 Monaten ein Baby bekommen hat - mitten im Promotionsstudium. Und dann gibt es die Tage, an denen David schreit und quengelt, wenn er krank ist und nicht in die Kita kann. Wenn Susan eigentlich mit Kollegen aus ihrem Dissertationsprogramm verabredet ist und der Babysitter kurzfristig absagt. Dann kann das Studieren zur Herausforderung werden - und das Muttersein auch. "Diese Tage sind trotzdem eine Motivation für mich", sagt sie.

Susan ist Amerikanerin und 2012 zum Studium nach Köln gekommen. Und der Liebe wegen. Ihr Mann arbeitet in Düsseldorf als Lehrer. Als sie vor zwei Jahren schwanger wurde, entschied sie, wie derzeit rund fünf Prozent der deutschen Studenten, dass sie Kind und Studium gleichzeitig schaffen kann. In Köln, wo Lee studiert und am Lehrstuhl für Soziologie arbeitet, sind es etwa sieben Prozent, die Nachwuchs und Abschluss miteinander vereinen.

Das Schwierigste sei der Betreuungsspagat, den die wenigen umkämpften Kitaplätze nicht kleiner werden lassen. Denn obwohl die Studierendenwerke in Köln und Düsseldorf mit jeweils vier Kindertagesstätten ein recht gutes Angebot vorweisen können, ist der Bedarf nicht mal ansatzweise gedeckt. Das ist nicht nur in Köln oder Düsseldorf so, sondern deutschlandweit. DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde: "Es sind mindestens 2000 weitere Plätze erforderlich."

Einen Kitaplatz zu finden sei beinahe unmöglich gewesen, sagt Lee. Schließlich fand sie eine Tagesmutter und irgendwann auch einen Kindergarten. Doch weil die Eingewöhnungszeit jeweils einen Monat dauerte, musste die junge Mutter, die damals schon an ihrer Dissertation arbeitete, oft nachts noch am Computer sitzen, während der kleine David neben ihr schlief. Da Susan Lee mehrmals im Jahr zu Konferenzen reisen muss, blieb ihr manchmal nichts Anderes übrig, als David mitzunehmen. Bereits mit fünf Monaten begleitete er sie zu Fachtagungen nach Chicago, Berlin und Wien. Die Reaktion von Kommilitonen, Kollegen und Professoren auf ihre Schwangerschaft: "Durchweg positiv", sagt Lee.

Auch in die Bibliothek kommt David schon mal mit. Foto: UDO GOTTSCHALK

Während sie in Amerika stets das Gefühl hatte, dass Studentinnen mit Babybauch verurteilt wurden, fühlte sie sich in Deutschland gut aufgenommen. "In Amerika - aber sicher auch in Deutschland - denken einige, dass die Motivation für das Studium nicht mehr da ist, wenn das Baby auf der Welt ist", vermutet Lee. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es genau andersherum ist. Gerade weil ein Baby da ist, will man doch zeigen, dass man trotzdem gute Ergebnisse vorweisen kann." Doch sie hätte auch Opfer bringen müssen - vor allem in der Freizeit. Die Gelegenheit, in Ruhe mit den Kollegen aus der Fakultät einen Kaffee trinken zu gehen, hat sie selten. "Ich kann nicht so spontan sein wie früher", sagt sie.

"Wenn wir uns treffen wollen, muss ich im Voraus planen." Studium und Kind - das könne gut funktionieren, wenn man bereit sei, für ein Kind Opfer zu bringen, sagt Lee: "Den perfekten Zeitpunkt gibt es ohnehin nie." Doch sie rät Studentinnen, die ein Baby erwarten, sich früh ein Netzwerk aufzubauen. Denn nicht immer klappt die Betreuung durch Kita oder Tagesmutter lückenlos. Da ist es gut, wenn Partner, Freunde, Kollegen und Familie mithelfen können. "Ich hatte Glück, dass ich ein paar Dozenten und Kollegen als Vorbilder habe", sagt Susan Lee.

Die meisten Unis versuchen, junge Mütter und Väter zu unterstützen. In Düsseldorf gibt es unter anderem eine kostenlose Familienberatung, eine Babysitting-Börse und mobile Eltern-Kind-Büros für Hochschulangestellte. In Köln bietet das Studierenden-Werk neben der Beratung die Plattform "Hochschulkids", über die sich Studenten mit Kind vernetzen und unterstützen können.

Bei aller Unterstützung sollte man von seinem Fachgebiet vollkommen überzeugt sein und genau wissen, wofür man studiert, rät Lee. Denn nur wer ein Ziel vor Augen hat, könne sich trotz Schlafmangel und Betreuungsstress immer wieder motivieren, zu Seminaren zu gehen und zu Hause die Bücher aufzuschlagen.

(RP)
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