Bielefeld : Zurück an die Schule

An der Uni Bielefeld wird ein Programm erprobt, das geflüchtete Lehrer in den deutschen Lehrberuf integrieren soll. Für den Berufseinstieg müssen die ausländischen Lehrkräfte etwa Hospitationen und Sprachkurse vorweisen.

Unterstützen, ermutigen, helfen: Seit ein paar Stunden sind Shogine Kamoyan (40) und Marwa Sulaiman (29) wieder in ihrem Element. Die beiden Lehrerinnen aus Armenien und Syrien hospitieren an der Gesamtschule Rosenhöhe in Bielefeld. Erst waren die beiden Frauen beim Englischunterricht in einer fünften Klasse, nun helfen sie Schülern im Matheunterricht. "Der Umgang mit den Kindern hat mir sehr gefehlt", sagt Kamoyan nach der Stunde. "Ich denke, ich bin als Lehrerin geboren - ich muss wieder zurück zur Schule gehen." Im kommenden Jahr könnte es so weit sein.

Kamoyan und Sulaiman sind zwei von 25 Teilnehmern eines Modellprojekts in Nordrhein-Westfalen. Das Programm der Universität Bielefeld heißt "Lehrkräfte Plus" und richtet sich an geflüchtete Menschen, die gut Deutsch sprechen und in ihrer Heimat als Lehrer gearbeitet haben. Sie können das ein Jahr dauernde Vollzeitprogramm absolvieren und danach etwa als Vertretungslehrer an Schulen in NRW arbeiten. 270 Bewerbungen gab es. Nun nehmen acht Frauen und 17 Männer aus Afghanistan, Armenien, Guinea, Irak, Pakistan und Syrien an dem Studienprogramm teil.

Das erste halbe Jahr machen sie einen Sprachkurs, der sie auf das Niveau C 1 bringen soll - das berechtigt zum Studium. Besser ist nur C 2 - diese Einstufung entspricht dem Niveau von Muttersprachlern. "Ein sehr sicheres Deutsch ist notwendig, damit die Lehrer später von den Schülern ernst genommen werden", erklärt Renate Schüssler von der Uni Bielefeld. Auf den Sprachkurs folgen Praktika in Schulen und eine Qualifizierung für das Schulsystem in NRW.

Kamoyan und Sulaiman sind an diesem Praktikumstag glücklich, ihrem Beruf wieder nahe zu sein. Kamoyan hat in Armenien mehr als 18 Jahre als Englisch- und Spanischlehrerin gearbeitet, die 29 Jahre alte Marwa Sulaiman war in Syrien Englischlehrerin. Beide sprechen mittlerweile fließend Deutsch. "Mit diesem Programm wird mein Traum in Erfüllung gehen, wieder als Lehrerin zu arbeiten", sagt Marwa Sulaiman.

Die Anregung zu dem Projekt und finanzielle Unterstützung kommen von der Bertelsmann-Stiftung. Deren Experten waren über die Universitäten Göttingen und Potsdam aufmerksam geworden. In Potsdam wird bereits seit 2016 und noch bis zum kommenden Jahr das Pilotprojekt "Refugee Teachers Program" erprobt, das geflüchtete Lehrer in anderthalb Jahren für den Berufseinstieg qualifizieren soll. In NRW kooperieren nun mit der Uni Bielefeld neben der Bertelsmann-Stiftung auch das Schulministerium sowie die kommunalen Integrationszentren.

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Claudia Hoppe, die Direktorin der Gesamtschule in Bielefeld, erhofft sich Vorteile für Kinder mit Migrationshintergrund - dazu gehört die Hälfte ihrer Schüler. Ihnen könnten diese Lehrer nicht nur mit der Sprache helfen, sie könnten auch ein Vorbild sein.

In welcher Form die Teilnehmer nach Abschluss des Kurses eine Beschäftigung an Schulen erhalten, ist offen. Neben dem Einsatz als Vertretungslehrer könnten sie im herkunftssprachlichen Unterricht eingesetzt werden, etwa in Arabisch. "Eine Garantie für eine Übernahme in den Schuldienst gibt es für die Teilnehmer nicht", sagt allerdings ein Sprecher des Schulministeriums in Düsseldorf.

Es fehle an Lehrern in NRW, und Menschen mit dieser besonderen Erfahrung seien eine Bereicherung für die Schulen, sagen die Befürworter der Qualifizierungsprogramme. Nach der Universität Bielefeld startet darum nun auch an der Hochschule in Bochum ein Ausbildungsprojekt für Flüchtlinge mit Lehrerberuf.

An der Universität Potsdam haben die ersten 26 Teilnehmer das Programm bereits abgeschlossen. "Alle von ihnen hätten in Brandenburg als Assistenzlehrer anfangen können", sagt Miriam Vock, Professorin am Lehrstuhl Unterrichtsforschung. Zwölf arbeiten als Lehrer, der Rest schaffte im ersten Anlauf die Sprachprüfung nicht und muss wiederholen.

Für Kamoyan und Sulaiman ist der Weg zum Zertifikat noch lang, die Sprachprüfung ist schwer. Doch beide sind motiviert, bald wieder in ihrem Traumjob zu arbeiten. Von dem Unterricht an der Gesamtschule waren sie beeindruckt: "Sehr interaktiv, ziemlich gut", sagen beide. In einem Punkt wäre Kamoyan aber strenger. "Im Englischunterricht sind bei mir andere Sprachen als Englisch verboten", sagt sie.

(dpa)