1. Panorama
  2. Wissen
  3. Bildung und Hochschule

Deutscher Lernatlas: Wirklich für das Leben lernen

Deutscher Lernatlas : Wirklich für das Leben lernen

Die Bertelsmann-Stiftung versucht in ihrem neuen Lernatlas zu beschreiben, was gute Bildung ausmacht und wo die besten Voraussetzungen dafür zu finden sind. Die zwei zentralen Befunde: Schule ist nicht alles. Und NRW ist das Mecklenburg Vorpommern des Westens.

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung untersucht, wie es sich in den Städten und Kreisen der Bundesrepublik lernen lässt. Dabei wird nicht nur das Lernen in Schulen, Hochschulen oder Betrieben betrachtet, sondern auch das, was wir in persönlichem Austausch oder durch soziales Engagement erwerben. Die Stiftung legt damit Wert auf einen stark erweiterten Bildungsbegriff, weg von Pisa hin zu einem umfassenderen Menschenbild.

"Wo lebenslang gelernt wird, sind die Menschen glücklicher, das Zusammenleben ist sozial gerechter und die Gesellschaft wohlhabender. Der Deutsche Lernatlas zeigt uns, wo die Voraussetzungen für lebenslanges Lernen am besten sind", erklärte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied für den Bereich Bildung in der Bertelsmann Stiftung. "Er verdeutlicht, dass Lernen mehr ist als Schule."

Auch die Feuerwehr ist eine Schule

Begründung: Menschen lernen nicht nur an der Schule oder in der Uni streng nach Pisa, sondern auch am Arbeitsplatz, als Mitglieder in Vereinen oder politischen Organisationen, in der Familie, in der Freizeit und im Gemeinwesen. Entsprechend erfasst der "Deutsche Lernatlas" auch Kennzahlen für berufliches, soziales und persönliches Lernen.

Im Deutschlandfunk erläuterte ein Mitarbeiter zwei Beispiele: Im Chor verbessere der Mensch etwa seine Fähigkeit, sich mit anderen abzustimmen. Teamwork-Skills, heißen solche Kompetenzen im modernen Wirtschaftsdeutsch. Als nicht minder eindrückliches Beispiel nannte er die Mitarbeit bei der Feuerwehr: Technik, Organisation, Gemeinschaftssinn, das sind die Dinge, die weniger in der Schule, wohl aber bei der Feuerwehr zu lernen sind.

300 Kennzahlen - ein Index

Folglich suchten sich die Bertelsmann-Forscher Indikatoren, mit denen sich "Lernen" untersuchen ließe. 300 Kennzahlen aus unterschiedlichen Quellen wurden überprüft, gewichtet und zu einem Index verdichtet. Dabei unterscheidet die Studie zwischen mehreren Kategorien.

Soziales Lernen Die Wissenschaftler versuchten das "soziale Lernen" über Faktoren wie Einrichtungen für die Jugendarbeit und die Zahl der Bürger, die sich sozial engagieren zu entschlüsseln. Hier zeigt die Studie ein klares West-Ost-Gefälle.

Persönliches Lernen Beim "persönlichen Lernen", etwa greifbar gemacht durch Museums- und Theaterbesuche oder Leseverhalten, erzielten Regionen im südlichen Bayern und Baden-Württemberg die Spitzenwerte.

  • Pisa-Studie: Das Ranking der Naturwissenschaften
  • Hintergrund : Zweiter Bildungsweg: Viele Wege zum Abitur
  • Was die Länder durch bessere Bildung sparen könnten

Gesamtwertung Übergreifendes Ziel der Studie war es, die Lernbedingungen in allen (!) Lebensbereichen greifbar und vergleichbar zu machen. Den besten Gesamtwert erzielte dabei der Landkreis Main-Spessart. Hier lernen die Menschen laut Bertelsmann am besten. Den schlechtesten Gesamtwert erzielte die Stadt Wismar. Schlusslicht unter den Bundesländern ist Bremen, die Bestnote bekommt Bayern.

Schulisches Lernen In die Gesamtwertung flossen neben dem sozialen und persönlichen Lernen natürlich auch die klassischen Komponenten ein: Beim "schulischen Lernen" ging es unter anderem um die Frage, wie gut Grundschüler lesen können und wie viele Hochschulabsolventen eine Region zählt. Hier schnitten vor allem Kreise in Bayern gut ab, den höchsten Wert unter den Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern erzielte Dresden.

Berufliches Lernen Das "berufliche Lernen" umfasst vor allem Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung. Erfasst wurden die Chancen von Jugendlichen, einen Ausbildungsplatz zu finden, und die Angebote von Volkshochschulen. Beste Großstadt ist hier München.

Süden klar vorne Bemerkenswert: Alle Sieger in den einzelnen Kategorien, darunter Klein- und Mittelstädte sowie ländliches Umland, liegen in Süddeutschland. Kreise und kreisfreie Städte in Bayern und Baden-Württemberg bieten laut Studie die besten Lernbedingungen. Dahinter folgen etwa gleichauf Regionen in Sachsen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Mecklenburg-Vorpommern ist Schlusslicht der Flächenstaaten. Bei den Stadtstaaten liegt Hamburg vor Berlin und Bremen.

Bei den Bedingungen für gute Bildung hängt der Süden Deutschlands den Norden somit klar ab. Die schlechtesten Regionen in Baden-Württemberg und Bayern sind immer noch besser als die besten Regionen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Auf dem Land lernt sich's besser Eine weitere Erkenntnis: Auf dem Land sind die Lernumfelder oft besser als in den Städten. Oftmals erzielten ländlich geprägte Kreise im Durchschnitt deutlich bessere Ergebnisse als Großstädte.

Dass gute Lernumfelder nicht unbedingt von der ökonomischen Lage einer Region abhängen, zeigen die Überraschungssieger des Deutschen Lernatlasses: Städte wie Dresden, Jena, Kaufbeuren und Rosenheim, aber auch die Landkreise Trier-Saarburg oder Amberg-Sulzbach. Sie gehören trotz ungünstigerer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu den überdurchschnittlichen Lernregionen.

Und NRW? Für Nordrhein-Westfalen fördert die Studie nur wenig Schmeichelhaftes zutage. Auf Platz zehn der 16 Bundesländer sei NRW "das Mecklenburg-Vorpommern des Westens". Doch es gibt auch Ausreißer nach oben. Demnach zählen Köln, Bonn und Münster sowie der Hochsauerlandkreis und die Kreise Coesfeld und Warendorf zu den "positiven Ausnahmen" in Nordrhein-Westfalen.

Düsseldorf liegt im Vergleich mit 13 deutschen Großstädten auf Rang acht, kommt aber nur auf zwei Drittel des "Lern-Wertes" wie Spitzenreiter München.

Hier geht es zur Infostrecke: Fragen aus dem Pisa-Test

(pst)