Raffaela Busse: "Wir sind jetzt komplett isoliert"

Raffaela Busse: "Wir sind jetzt komplett isoliert"

Die 27-jährige Physikerin arbeitet auf einer Forschungsstation am Südpol, im Sommer fliegt ein Flugzeug die Nahrung ein.

Zwischen minus 45 und minus 70 Grad herrschen an einem der kältesten und abgelegensten Orte der Erde - der Amundsen-Scott-Südpolstation. Sie ist seit einigen Wochen und für die nächsten Monate Wohn- und Arbeitsort von Raffaela Busse. Vor dem Start ihrer Doktorarbeit an der Uni Münster erhielt sie unter 50 Bewerbern den Zuschlag, auf der US-amerikanischen Forschungstation zu arbeiten.

Sie sind jetzt schon einige Wochen am Südpol. Was waren besondere Erlebnisse?

Busse Es lohnt sich immer, den Himmel zu beobachten - auch jetzt, wo es noch 24 Stunden hell ist. Die saubere Luft und die Kälte bringen manchmal Phänomene zustande, die man so nirgendwo sonst auf der Welt beobachten kann. Vor ein paar Wochen hatten wir spektakuläre atmosphärische Sonnenhalos - das war mein absolutes Highlight bis jetzt.

Wie sieht der Alltag aus?

Busse Meine Hauptaufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der IceCube Detektor möglichst rund um die Uhr Daten nimmt. Mit IceCube suchen wir nach hochenergetischen, kosmischen Neutrinos im Eis. Zusammen mit einem Kollegen bin ich für die Wartung der über 200 Computer verantwortlich, löse Software-Probleme, tausche Kabel, und so weiter. Neben meinem IceCube-Job habe ich - wie fast jeder auf der Station - noch andere Pflichten übernommen. Ich parke und betanke die Flugzeuge, die hier landen. Das ist eine sehr spannende Aufgabe, und ich bin froh, dafür eingeteilt worden zu sein. Dann bin ich noch Mitglied der "Südpolfeuerwehr" und helfe im Gewächshaus.

Wie kamen Sie darauf, sich auf die Stelle zu bewerben?

Busse Ich habe mich auf diese Stelle beworben, weil es nach einem unglaublich spannenden Abenteuer klang. Und es hat meine Erwartungen mehr als übertroffen! Ich bin immer noch unglaublich froh, diese Stelle angenommen zu haben, und ich würde es jederzeit wieder machen. Außerdem ist die Wissenschaftlerin in mir stolz darauf, so ein wichtiger Teil des größten Neutrino-Experiments der Welt zu sein.

Womit können Sie sich am Südpol am wenigsten anfreunden?

Busse Mit der dünnen Luft. Zuhause laufe ich Marathons, hier habe ich am Anfang keine 20 Minuten auf dem Laufband ausgehalten - dass hat mich ziemlich geschockt. Mittlerweile geht es aber deutlich besser. Wir haben hier die "Run-to-McMurdo"-Laufchallenge, bei der man es in den acht Wintermonaten 835 Meilen bis zur McMurdo Küstenstation schaffen muss - natürlich "virtuell", auf dem Laufband. Mal sehen, ob ich als Erste dort ankomme.

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Woher kommt eigentlich das Essen? Also: Wo kauft der Koch seine Zutaten?

Busse Das Essen wird in den Sommer-Monaten eingeflogen, vieles ist aber schon seit längerer Zeit hier gelagert - schließlich haben wir den größten natürlichen Gefrierschrank der Welt. Außerdem haben wir ein Gewächshaus, so dass wir auch in den Wintermonaten, wenn keine Flugzeuge hier landen können, ab und zu mal frisches Gemüse essen können.

Haben Sie seit Ihrer Ankunft schon etwas anderes gesehen als den IceCube?

Busse Neugierig wie ich bin, hab ich mir natürlich die anderen Experimente schon gründlich angesehen. Die "Landschaft" zu erkunden, geht relativ schnell: Flach und weiß in alle Himmelsrichtungen so weit das Auge reicht. Es gibt aber auf der Station selbst viel zu entdecken, wie zum Beispiel das weite Tunnelsystem unter der Station oder das Kraftwerk.

Was steht in den kommenden Wochen oder Monaten noch wichtiges an? Worauf freuen Sie sich?

Busse Am meisten habe ich mich auf den Beginn der Wintersaison gefreut - die ist vor einer Woche gestartet. Das Abenteuer hat jetzt, wo wir komplett isoliert sind, erst richtig angefangen. Dann freue ich mich natürlich auf den Sonnenuntergang - der Sternenhimmel und die Auroras sind garantiert atemberaubend.

Wenn Sie jetzt an Ihre Rückkehr denken: Auf was freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder in Deutschland sind ?

Busse Schwarzbrot. Da die Station amerikanisch ist, gibt es hier einfach kein gutes Brot, nur labbrigen Toast. Außerdem freue ich mich natürlich auf das Wiedersehen mit meiner Familie und meinen Freunden.

ISABELLE DE BORTOLI FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)