Düsseldorf: Wie die Wirtschaft die Unis beeinflusst

Düsseldorf : Wie die Wirtschaft die Unis beeinflusst

Ein Internetportal entfacht die Debatte neu, wie viel Geld Hochschulen annehmen dürfen.

Der Gedanke an einen "Aldi-Süd-Hörsaal" bereitet Edda Müller spürbar Unbehagen. So etwas gab es tatsächlich vor einigen Jahren an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt - ebenso wie einen "easyCredit-Hörsaal" an der Uni Erlangen-Nürnberg. Die oberste Korruptionswächterin von Transparency International sieht allzu enge Verbindungen als "blanke Firmenwerbung, die in Form von Sponsoring an den Hochschulen Einzug hält". Aber Müller warnt nicht nur vor gut dotierten Audimax-Umbenennungen im Stil moderner Fußballstadien.

Die ehemalige Ministerin äußert massive Sorgen wegen womöglich wachsender Einflussnahme von Firmen und Konzernen auf die Wissenschaft in Deutschland. Zunehmend bestimmten "die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung - und weniger das, was unser großes Erbe ist, nämlich die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Ich sage mal: das alte Humboldtsche Bildungsideal."

Auch deswegen setzt die Transparency-Chefin auf das frisch überarbeitete Internet-Portal "hochschulwatch.de", das in zwei Jahren mehr als 10 000 Kooperationen sowie erhebliche Finanzströme zwischen Unternehmen und Hochschulen festgestellt hat. Nach den Angaben der Statistik-Behörden gehen jährlich 1,3 Milliarden Euro als sogenannte Drittmittel aus der Wirtschaft an die Unis, die ansonsten eine staatliche Grundfinanzierung (Erstmittel) und öffentliche Zuwendungen etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Zweitmittel) erhalten.

Auch Studentenvertreterin Isabella Albert nimmt kein Blatt vor den Mund: "Hochschulen werden immer weiter zu Produzenten von Arbeitskräften degradiert." Und die Bildungsgewerkschaft GEW warnt vor einem "Ausverkauf" an den Unis: "Immer mehr Stiftungslehrstühle, immer mehr Auftragsforschung - private Unternehmen versuchen, einen immer stärkeren Einfluss auf staatliche Universitäten und Fachhochschulen zu nehmen", sagt der stellvertretende GEW-Chef Andreas Keller. Länder und Hochschulen müssten "Grenzen setzen".

Der Gewerkschafter mahnt aber auch, nun nicht gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten: "Wenn Hochschulen private Drittmittel einwerben, ist das nicht per se ein Problem. Entscheidend ist, dass von der Kooperation nicht einseitig die privaten Partner profitieren." Der Druck auf Wissenschaftler, Drittmittel einzuwerben, sei gestiegen - davon hänge nicht selten die eigene Weiterbeschäftigung ab. Die Universität als "Marktplatz" - dagegen verlangt Transparency International klare Regeln für die Annahme von Forschungsaufträgen und die Offenlegung fremdfinanzierter Projekte. Verbandschefin Müller betont, dass es ihr nicht um eine Unterscheidung zwischen "gutem" und "schlechtem" Hochschul-Engagement von Wirtschaftsunternehmen gehe. Beispiel Fachhochschule Flensburg: Die habe über Stiftungsprofessuren enge Verflechtungen mit der Windenergie-Branche, gegen die ja nun niemand etwas habe - und doch weise man auf so etwas kritisch hin.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, zeigt Verständnis für die Korruptionswächter: "Der kritische Blick auf die Hochschulen ist völlig in Ordnung. Dazu gehört auch die Forderung nach größtmöglicher Transparenz." Wer das Engagement aber unter Generalverdacht stelle, skandalisiere "eine sinnvolle, für Unternehmen, Hochschulforschung, Studierende und Volkswirtschaft ertragreiche Zusammenarbeit".

(DPA)
Mehr von RP ONLINE