Unwort des Jahes 2014 lautet "Lügenpresse"

Sprache : "Lügenpresse" ist das "Unwort des Jahres 2014"

Das "Unwort des Jahres 2014" lautet "Lügenpresse". Das teilte die "Unwort"-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit.

Zur Begründung führte sie aus, mit dem Wort "Lügenpresse" würden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter darum bemühe, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen "Islamisierung des Abendlandes" eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solch pauschale Verurteilung verhindere fundierte Medienkritik und leiste somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade jetzt wieder unübersehbar geworden sei.

Die Jury erinnerte daran, dass der Ausdruck "Lügenpresse" bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff gewesen sei und dass er auch den Nationalsozialisten dazu gedient habe, unabhängige Medien pauschal zu diffamieren. Mit Blick auf die anti-islamische Pegida-Bewegung legte die Jury dar, gerade die Tatsache, dass die sprachgeschichtliche Aufladung des Wortes "Lügenpresse" einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem vergangenen Jahr skandierten und auf Transparenten trügen, wohl nicht bewusst sei, mache ihn zu einem besonders perfiden Mittel jener, die ihn gezielt einsetzten.

Neben dem Ausdruck "Lügenpresse" rügte die Jury auch die Begriffe "Erweiterte Verhörmethoden" und "Russland-Versteher". Der Ausdruck "Erweiterte Verhörmethoden" sei ein Euphemismus, der unmenschliches Handeln, nämlich Folter, legitimieren solle. Er habe sich im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den CIA-Bericht 2014 zu einem dramatisch verharmlosenden Terminus Technicus entwickelt. Zum Begriff "Russland-Versteher" führte die Jury aus, dieser in der außenpolitischen Debatte verwendete Begriff werde vor allem deshalb zum Unwort, weil er das positive Wort "verstehen" diffamierend verwende.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hat die Jury-Entscheidung begrüßt, den Begriff "Lügenpresse" zum "Unwort des Jahres 2014" zu wählen. "Dass Teile der Gesellschaft Journalisten pauschal mit einem historisch belasteten Kampfbegriff diffamieren, offenbart eine erschreckende Geringschätzung für die Unabhängigkeit der Medien und für ihre Rolle in einer offenen Gesellschaft", sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr am Dienstag in Berlin der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist nur angemessen, diesen Begriff als Unwort zu brandmarken, bevor aus solchem Gedankengut Taten folgen."

Die Jury bestimmte nun zum 24. Mal das Unwort des Jahres. Nach ihrer Darstellung geht es um sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation, die besonders negativ aufgefallen seien, weil sie sachlich grob unangemessen seien und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzten. Für 2013 hatte die Jury den Ausdruck "Sozialtourismus" zum Unwort des Jahres bestimmt. Das erste von ihr bestimmte Unwort war für 1991 "ausländerfrei".

Diesmal waren bei der Jury nach deren Angaben 1.246 Einsendungen eingegangen; darunter befanden sich 733 verschiedene Vorschläge. Neben ihren fünf ständigen Mitgliedern aus der Sprachwissenschaft gehörte der Jury jetzt als externes Mitglied die Journalistin und Buchautorin Christine Westermann an.

Zum Wort des Jahres 2014 hatte vor wenigen Wochen die in Wiesbaden ansässige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) die Bezeichnung "Lichtgrenze" für die Berliner Gedenkinstallation zum Mauerfall vor 25 Jahren gekürt. Für ihre Wahl ist maßgeblich, wie sehr ein Begriff die öffentliche Debatte bestimmt.

(KNA)
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