Uni Düsseldorf: Warum die Bibliothek stets ein besonderer Ort ist

Hochschule : Die große Stille zwischen den Zeilen

Die Bibliothek ist an jeder Universität ein besonderer Ort. Ein Besuch ohne Lernstress öffnet den Blick für Details.

Es ist still geworden in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, kurz ULB oder auch einfach nur Bib genannt – die gemütliche Abkürzung, die ein wenig einfältig klingt. Zugegebenermaßen ist es auch nicht gerade das ästhetischste Gebäude, diese rechteckigen, aufeinander gestapelten Buletten, aber es zählen ja die inneren Werte.

Obwohl die Bibliothek auf dem Campus der Heinrich-Heine-Univerität derzeit knapp 35.000 Studierenden Unterschlupf für Klausurstress, Prüfungsvorbereitungen oder Abgaben bieten soll, ist es an diesem Tag vergleichsweise ruhig. Zugegeben, ruhig ist es hier meistens. Bibliotheken sind halt so. Doch wo sich bis vor wenigen Wochen noch fleißige, koffein- und nikotinbetankte Lernende mit einem leichten Kater Tisch an Tisch aneinander gekuschelt haben, ist es heute gar kein Problem, noch einen freien Platz zu finden.

In den Wochen vor und nach Beginn der vorlesungsfreien Zeit bleibt einem oft gar nichts anderes übrig, als die Etagen hoch- und runterzulaufen, um sich irgendwo noch zwischen einem Wirtschaft- und Philosophiestudenten den Platz mit jemandem aus der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät zu teilen. Platzmangel überall.

Nun aber scheint es, als könnte man wählen zwischen Gang oder Fenster, Einzelplatz oder alleine in einer Reihe. Um nun etliche Flugkabinenvergleiche zu umgehen, beginne ich, mich ein wenig intensiver mit meinem Umfeld auseinanderzusetzen. Und heute fallen mir bei genauerer Betrachtung Dinge auf, von denen ich behaupten würde, sie in den letzten sechs Semestern nie vorher bemerkt zu haben: die Film- und Fanfictionsammlung im ersten Stockwerk, das Glasdach über dem Flur im oberen Geschoss oder das Schild auf der ersten Etage, auf dem darauf hingewiesen wird, für jegliche religiösen Ausübungen bitte die dafür vorgesehenen Räume zu nutzen, und zu dem ich nur zu gerne die passende Geschichte hören würde. Als ich zum fünften Mal an einer Tischreihe vorbeilaufe und bemerke, dass ich schon komisch angesehen werde, beschließe ich, mich erstmal niederzulassen. Vorsichtshalber wechsle ich die Etage.

Als sich die Tür zum Lesesaal öffnet, schlägt mir die Stille ins Gesicht. Auch hier sitzt man und kauert vor seinen Büchern. Ein vielfältiges Durcheinander aller Altersgruppen und Charaktere – ein plakatives Abbild einer Gesellschaft, wenn man es sich so vor Augen halten möchte, die trotz ihrer Verschiedenheiten alle etwas gemeinsam haben. Entscheidet man sich, diesen Blick auf das schwerfällige Geschehnis zu werfen, ist es ein friedlicher, tatsächlich schöner Anblick. Etwas weiter den Gang herunter liegt jemand schwer atmend auf der Tischplatte. Schläft. Ich erinnere mich, dass mir das vor einigen Wochen auch hätte passieren können – wahrscheinlich sogar passiert ist.

Ob sie bedrückend oder einvernehmlich ist, die Stille, ist beim flüchtigen Blick auf die lernenden Kommilitonen nicht ganz klar. Wenn man nur lange genug durch die schmalen Gänge flaniert oder sich auch mal an einem Platz niederlässt, gewöhnt man sich tatsächlich an die Ruhe.

Ich wage zu behaupten, dass mir die meisten Regeln und Gepflogenheiten – gesetzte sowie unausgesprochene – hier auf dem Campus bekannt sein dürften. Der Café Crema im Ex Libris ist zum Beispiel nicht halb so gut wie der Filterkaffee aus der Cafeteria am 23er. Taschen, Jacken und alles zum Durst löschen, das kein Wasser ist, schafften es niemals durch die scharfen Sicherheitskontrollen am Eingang im Foyer der ULB – wobei die Mate ziemlich gut in den Korb unter die Bücher passt. Und auch das Gerücht, dass der dritte Stock eine Art Single-Börse ist, hält sich hartnäckig.

Diese Legende schwirrt schon länger durch die hohen Hallen dieser Bibliothek. Ich erklimme also die dritte Etage, die sich aufgrund der hohen Decken eher wie eine sechste anfühlt. Wie oft ich hier schon saß, unwissentlich, was hier abgehen mag – angesprochen werde ich heute jedenfalls nicht. Das kann aber auch an mir liegen. Ich ignoriere die Tatsache, dass an der Erhaltung dieses Rufes hauptsächlich männliche Kommilitonen beteiligt sind.

Die deutlich kalten Abweisungen, die ich dann vor der Glastür zur dritten Etage erhalte, als ich einfach mal mein Glück versuche, sprechen dann wohl für sich. Bis ein kurzes Briefing bezüglich des bevorstehenden RP-Artikels doch noch zu einem kleinen Smalltalk führt.

Wieder zurück auf der ersten Etage, schnappe ich mir irgendeinen Schinken über Quentin Tarantino, setze mich an einen Fensterplatz und lege fürs gute Gewissen einige Blätter und den Laptop vor mir auf den Tisch. Und genieße den Luxus, einmal ohne innere Unruhe minutenlang aus dem Fenster starren zu können. Zwischen all denjenigen, die mit Augenringen und rauchenden Köpfen versuchen, sich immer neues Wissen anzueignen, um die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen.

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