Sport-Unterricht - das Schulfach ohne Lobby - Frust unter Lehrern

Frust unter Lehrern: Sport - das Schulfach ohne Lobby

Keinem Fach wird ein vielfältigerer Bildungsauftrag aufgebürdet als dem Sportunterricht. Doch im Schulalltag steht der Sport ganz hinten. Bei der Personalausstattung, bei der Infrastruktur - und vor allem bei der Wertschätzung.

Wäre der Sportunterricht in Deutschland ein Lkw, die Polizei hätte ihn längst aus dem Verkehr ziehen müssen. Wegen massiver Überschreitung des zulässigen Gesamtgewichts. Denn genau das ist der Sportunterricht: völlig überladen. Ein Kleintransporter, dessen Achsen ächzen unter der Masse der Erwartungen und Anforderungen. Sportunterricht soll die Persönlichkeit herausbilden, Sozialkompetenz formen, in jedem Fall die Gesundheit fördern und Integration lehren. Er soll Prävention betreiben, Inklusion leisten, Ehrgeiz wecken, Freude an Bewegung herauskitzeln, Erfolgserlebnisse vermitteln, alle Sinne ansprechen und am Ende Schüler so motivieren, dass sie auch in der Freizeit Sport treiben.

Es bräuchte also einen Schwertransporter, um den Sport als Schulfach adäquat auf den Weg zu bringen. Aber ein solcher Unterbau existiert nicht - nicht in puncto Ausstattung mit Lehrern, nicht in Sachen Hallen, und schon gar nicht beim Thema Anerkennung. So unterrichtet jeder dritte Sportlehrer an NRW-Grundschulen fachfremd. Seiteneinsteigern könnten die nötigen Qualifikationen fehlen. "Der organisierte Sport macht sein Ding, ist sportpolitisch vertreten und positioniert sich in freiwilligen Schulsportangeboten. Für Sportunterricht fühlt sich so recht keiner verantwortlich", sagt Michael Fahlenbock, Vorsitzender des Deutschen Sportlehrerverbandes.

Wobei, so richtig stimmt das nicht. Es fühlen sich viele für den Sportunterricht verantwortlich - allerdings nur auf dem Papier. Für wohl kein anderes Schulfach existieren derart viele Schaufensterreden, Handlungsempfehlungen und gut gemeinte Hinweise. Was aber fehlt, ist die Lobby in der Praxis. Im Alltag. Eine Lobby, die aus der allgemeinen Forderung nach modernen Sporthallen und Schwimmbädern das konkrete Bemühen um die Renovierung der Grundschulturnhalle vor Ort macht. Eine Lobby, die aus dem allgemeinen Hinweis auf der Internetseite des NRW-Schulministeriums, der Sportunterricht gehöre "neben Deutsch und Mathematik zu den Fächern mit dem insgesamt höchsten Stundenumfang", die konkrete Absicht ableitet, dass Schüler auch tatsächlich drei Stunden Sportunterricht pro Woche erhalten. Eine Lobby, die den schriftlich verankerten Anspruch, dass jeder Grundschüler am Ende der 4. Klasse schwimmen können muss, auch konkret umsetzt.

"Der Sport an sich, also der Vereins-, Wettkampf- und Spitzensport, hat eine starke Lobby und erfährt in den zuständigen Ministerien viel Resonanz. Der Sportunterricht ist da abgekoppelt", sagt Michael Fahlenbock, Akademischer Direktor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wuppertal. Mit seinem Verband sieht er sich als Stimme der Kollegen. Oft genug ist es die einzige Stimme. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) kümmert sich um Leistungs- und Breitensport. Sportunterricht zählt nicht zu seinen Kernthemen. Wenn der DOSB marode Schwimmbäder und Sporthallen anprangert, dann spricht er originär für die Vereine. Nicht für Schüler.

Auf der Verwaltungsebene fühlen sich die Sportlehrer zu oft vernachlässigt. Sie fragen sich auch, wie viele von denen, die am Ende in der Schulorganisation entscheiden, eigentlich selbst eine Lehrbefähigung für Sport besitzen. "Für einen regelmäßigen, dreistündigen und qualifizierten Sporunterricht setzen sich zu selten Schulleitungen und Elternschaft ein, obwohl Sport ein Lieblingsfach von Schülern ist", sagt Fahlenbock. Unbeantwortet bleibt aus seiner Sicht die Frage, wie Schwimmunterricht gewährleistet werden soll, wenn von einer Doppelstunde eine Stunde für An- und Abreise zum Hallenbad draufgeht. Warum so oft bei einem Lehrer Sportstunden hintenüber fallen, weil in den Fächern Lücken gestopft werden müssen, die er außerdem unterrichtet. Wie es um den Stellenwert des Sportunterrichts steht, wenn man Studenten zutraut, Vertretungsdienste zu übernehmen. Neulich teilte Fahlenbock ein Student per E-Mail mit: "Ich habe es die letzten Wochen nicht geschafft, da ich Vollzeit als Vertretungslehrer am Gymnasium arbeite."

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Weg zum Bedeutungsverlust ebnet Schulsystem selbst

Was viele Sportlehrer vermissen, ist Wertschätzung. "Ich denke, dass das der Einstieg für eine ehrliche Auseinandersetzung ist", sagt Fahlenbock. Zu häufig werden Sportlehrkräfte im Kollegium noch immer belächelt. Sportunterricht beschränkt sich in den Augen vieler darauf, einen Ball in die Halle zu werfen und Leibchen zu verteilen. Wie viel anspruchsvoller ist da doch die Interpretation des "Faust" oder die Vermittlung der Binomischen Formeln. Den Weg zum Bedeutungsverlust des Sportlehrens ebnet dabei das Schulsystem selbst. Wenn ein Drittel aller Sportlehrer an NRW-Grundschulen die Lehrbefähigung berufsbegleitend erlangt hat, muss sich der Eindruck aufdrängen, Sport sei etwas, das man nebenbei vermitteln kann. Eben mit einem Ball und ausreichend Leibchen statt mit Methodik und Didaktik.

Dabei sind die Herausforderungen heute weit größere: Inklusion in der Turnhalle ist kein Selbstläufer, zudem klafft die Schere zwischen motorisch starken und schwachen Kindern immer stärker auseinander. Und der Konflikt, ob muslimische Schülerinnen aus religiösen Gründen den Schwimmunterricht verweigern können, wird allerorten ausgetragen.

Seiteneinsteiger stopfen zwar Lücken, verfestigen aber eben auch die Überzeugung, dass man nicht Sport auf Lehramt studiert haben muss, um unterrichten zu können. Der aktuelle Lehrermangel über alle Bereiche hinweg macht überdies nicht gerade Hoffnung, dass fachfremder Sportunterricht bald der Vergangenheit angehören wird - selbst wenn die neue schwarz-gelbe Landesregierung in NRW laut Koalitionsvertrag mittelfristig eine 105-prozentige Lehrerversorgung anstrebt.

In dem 124-seitigen Papier gibt es übrigens den Punkt "Schule" wie auch ein Kapitel "Sport". Das Wort "Sportunterricht" steht nirgendwo.

(klü)