Nierstein: Orgelspielen statt kellnern

Nierstein: Orgelspielen statt kellnern

Den beiden christlichen Kirchen in Deutschland mangelt es an engagierten Nachwuchsorganisten.

Auf diesen Morgen hatte sich Vanessa Roth ein halbes Jahr lang vorbereitet. Um Punkt zehn Uhr hören im rheinland-pfälzischen Nierstein die Glocken der evangelischen Kirche auf zu läuten. Unten in den Bänken ist es still, und für die Gymnasiastin oben auf der Orgelempore wird es jetzt ernst. Die 18-Jährige hat sich wieder die dunklen Herren-Tanzschuhe angezogen, weil sie mit denen am besten die Fußpedale drücken kann. Zum ersten Mal spielt sie an diesem sonnigen Sonntag an der Kirchenorgel einen kompletten Gottesdienst - mit einem Bach-Präludium zum Einzug des Pfarrers, allen Gemeindeliedern und einem Nachspiel.

Kirchenmusik ohne Orgel ist in evangelischen und katholischen Kirchen nach wie vor kaum vorstellbar, jedenfalls in Deutschland nicht. Da oft aber nur an bedeutenden Kirchen professionelle Kirchenmusiker angestellt sind, bleiben viele Gemeinden auf das Engagement ihrer nebenamtlichen Organisten angewiesen - und darauf, dass sich immer genügend Nachwuchs-Musiker finden, die sonntags verlässlich in die Kirche kommen und vorher regelmäßig üben. Aber genau das ist vielerorts ein Problem.

Vanessa Roth hat völlig unverhofft ihre neue Leidenschaft entdeckt. Im Konfirmandenunterricht gab es eine "Orgelführung" für die Gruppe. Kurze Zeit später, das war vor mittlerweile knapp drei Jahren, fragte der Gemeindepfarrer, ob jemand von den Konfirmanden Orgel lernen wolle, und die Schülerin sagte sofort zu: "Meine Eltern waren erst einmal etwas perplex, manche Freunde fragten: ,Was, Orgel? Warum?'" Früher hatte Vanessa Roth eine Zeit lang Klavierunterricht gehabt, aber den hatte sie damals bereits wieder aufgegeben.

Die Niersteiner Orgelschülerin hört - "wie jeder normale Jugendliche" - auch moderne Musik, mag aber ebenso Klassik und Werke aus der Romantik. Vor allem die Vielfalt der Orgelklänge fasziniert sie an ihrem neuen Instrument. Mit seinen teils meterhohen Pfeifen ist es um ein Vielfaches größer als sie selbst. "Man kann etwas Ruhiges, Melancholisches spielen oder etwas Festliches und Triumphales." In den Wochen vor ihrem ersten kompletten Gottesdienst hat sie so manche Verabredung mit Freundinnen abgesagt, denn fast täglich kam sie zum Üben in die Kirche ihres Heimatstädtchens südlich von Mainz.

Die Kirchen könnten noch weitaus mehr junge Leute mit Interesse am Orgelspielen gebrauchen. "Wir haben massive Probleme, weil immer weniger Menschen sich verpflichten wollen", räumt die Landeskirchenmusikdirektorin der hessen-nassauischen Landeskirche, Christa Kirschbaum, ein. Insbesondere in der Weihnachtszeit werde es immer schwieriger, noch genügend Vertretungskräfte für alle Gottesdienste zu rekrutieren.

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Dabei hätten Organisten nicht nur ein wunderbares Hobby, sondern auch interessante Möglichkeiten für einen Nebenverdienst, wirbt sie. Schon Jugendliche könnten sich mit dem Orgelspielen ein solides Taschengeld verdienen: "Und das ist sicherlich schöner, als abends zu kellnern."

Carsten Wiebusch, Professor für Orgelmusik und Organist in Karlsruhe, bedauert das Bild, das in der Öffentlichkeit gelegentlich von Kirchenmusikern gezeichnet werde. Wer glaube, Kirchenorgeln seien für junge Menschen nicht attraktiv, liege völlig falsch: "Ich konnte mir schon als Jugendlicher den Schlüssel von einer großen Kirche holen und in einem großen dunklen Raum ,Krach' machen. Für Jungs und Mädchen mit 15 oder 16 ist das eigentlich eine tolle Sache." Und dann sei die Orgel eben im Unterschied zum Klavier auch noch ein äußerst komplizierter Mechanismus mit all den Schaltern und Knöpfen, deren Funktionen es zu entdecken gelte.

Wiebusch fordert eine aktivere Nachwuchswerbung in den Kirchen. "Viele denken, dass sie nie an die Orgel ihrer Kirche herangelassen würden", sagt er, "dabei ist das ein ganz normales Instrument, das nicht nur Auserwählte spielen."

Auch die Berufschancen für hauptamtliche Organisten seien angesichts bevorstehender Pensionierungswellen längst wieder gut. Noch vor einigen Jahren hätten nicht einmal alle Kirchenmusik-Studienplätze besetzt werden können. Es habe so wenige Interessenten gegeben, dass das hohe Niveau der Ausbildung gefährdet gewesen sei. Inzwischen habe sich die Situation wieder entspannt.

Vanessa Roth sieht ihre Zukunft nicht als Berufsmusikerin, sondern denkt an ein Jura-Studium oder vielleicht sogar an eine Laufbahn bei der Polizei. Eine Prüfung will sie trotzdem ablegen, um künftig häufiger als nebenamtliche Vertretungs-Organistin spielen zu können.

(epd)
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