Abiturientin lässt Schulzeit Revue passieren: "Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben"

Abiturientin lässt Schulzeit Revue passieren : "Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben"

Ronja Overländer hat gerade ihr Abi gemacht. Über politische Zusammenhänge hat sie in der Schule wenig gelernt. Dafür einiges über die Funktion der DNA-Polymerase und Integralrechnung. Für uns lässt die 18-Jährige ihre Schulzeit Revue passieren.

Ich will mir nicht anmaßen, einen besseren Lehrplan aufstellen zu können, aber wozu muss ich wissen, wie ich integriere, wie ich mono- von dihybriden Erbgängen unterscheide und worin die Funktion der DNA-Polymerase besteht, wenn mir nicht einmal erklärt wird, warum das Auswärtige Amt die Voraussetzungen für die Aufnahme des ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden als nicht erfüllt ansieht? Ist das nicht wichtiger für mein Leben?

Solche Fragen haben wir Schüler immer wieder gestellt — und nie eine Antwort bekommen.

Ich gehörte zu den ersten meiner Schule, die in acht Jahren das Abitur gemacht haben. Ich kann mich nicht beschweren, denn ich hatte nie große Schwierigkeiten und habe auch in der verkürzten Zeit ein sehr gutes Abitur gemacht. Aber natürlich führt dieser Zeitmangel dazu, dass für viele Themen einfach keine Zeit war und dass automatisch eine Menge auf der Strecke blieb.

Ich hatte mich vor zwei Jahren dazu entschlossen, Geschichte als Leistungskursus zu wählen. Denn ich erhoffte mir durch den Unterricht, die Zusammenhänge auch aktueller Politikfragen besser begreifen zu können. Ich wollte verstehen, was in den vergangenen Jahrhunderten in unserem Land passiert ist — um das Jetzt besser zu begreifen. Zumindest, was die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, wurden diese Hoffnungen auch erfüllt. Ich verfüge nun zwar über ein allgemeines politisches und geschichtliches Verständnis von der Französischen Revolution 1789 bis zur Wiedervereinigung und dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990, aber wie es zu den aktuellen Unruhen in Ägypten kommen konnte, wurde, wenn überhaupt, nur angeschnitten, aber nie ausreichend besprochen. Man geht davon aus, dass Jugendliche und junge Erwachsene, als die wir immer behandelt werden wollen, in der Lage sind, sich über politische Zusammenhänge durch Medien wie Zeitungen, Fernsehen, das Internet oder Smartphone-Apps zu informieren. Doch alle Angebote erschlagen einen förmlich mit ihren Informationen, Zahlen und Fakten, wenn man die Gesamtzusammenhänge noch nicht verstanden hat.

Ich will nicht behaupten, dass unsere Generation unpolitisch ist, denn das ist sie auf keinen Fall. In meinem Freundeskreis gibt es sehr engagierte Leute, die ihre Informationen selbstständig aus den Medien ziehen. Meine Freundin Luise ist sozusagen meine eigene politische Informationsquelle.

Für das Verständnis von Zusammenhängen, über das sie verfügt, muss man sich kontinuierlich bemühen, viel lesen, viel recherchieren und sich dafür interessieren, was sich politisch tut — all das aber passiert außerhalb der Schule. Unter der Prämisse, dass man sich selbst Informationen beschafft, denn an das Fach "Aktuelles politisches Geschehen" hat anscheinend noch niemand gedacht oder sich zumindest nicht berufen gefühlt, es einzuführen. Dabei hätten wir es bitter nötig.

Die Schule ist aber natürlich nicht an allem schuld. Eine weitere Erklärung für das vermeintliche Desinteresse an politischen Geschehnissen in unserer Generation mag sein, dass uns das nötige Konfliktpotenzial fehlt. Wenn ich mit meinem Vater über seine Jugendzeit und das damalige politische Engagement der Jugend spreche, dann erzählt er von der 68er-Bewegung und von Jugendlichen, die eine vollkommen andere politische Orientierung entwickelten als ihre Elterngeneration. Jugendliche, die sich mit ihrer politischen Meinung auflehnten und damit abnabeln konnten. Dieses Konfliktpotenzial fehlt meiner Generation. Es ist zwar nicht so, dass ich dauernd mit meinen Eltern einer Meinung bin. Aber in den meisten Punkten fehlt die Reibung. Ich glaube, das, was man unserer Generation als Desinteresse auslegt, ist eher eine träge Konfliktlosigkeit.

Gerade um die gedanklichen Ungereimtheiten aufzuspüren und den Wunsch zu wecken, sich selbst mehr von der Welt zu erklären, frage ich mich, warum es offenbar nicht möglich ist, Jugendliche während ihrer Schullaufbahn politisch zu bilden und bei ihnen ein Verständnis für politisches Engagement zu schaffen. Ich denke, je älter man wird, desto unangenehmer wird es, sich politisch unsicher zu sein in einem Strudel aus Informationen, Kritikfurcht und Scham.

Wäre es da nicht sinnvoller, ein Fach einzuführen, das uns diese Unsicherheit nimmt? Wer weiß, vielleicht wäre das ja ein Weg, mehr Jugendliche dazu zu bringen, wählen zu gehen. Viele von uns bleiben den Wahlen ja nicht fern, weil sie keine eigene Meinung haben, sondern aus Unsicherheit. Weil wir nie gelernt haben, was Parteien eigentlich erreichen wollen. Und was sie voneinander unterscheidet.

Trotzdem: Meiner Meinung nach zeigt sich politisches Engagement nicht nur im Wissen um Fakten oder in der Teilnahme an Wahlen, sondern auch im Ausleben von Werten wie Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden oder dem Widerstand gegen Rassismus oder Extremismus. Das wiederum sind Werte, die ich an meiner Schule in den vergangenen Jahre erfahren durfte.

(RP)
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