Berlin : Lernen will gelernt sein

Es gibt keine einzig wahre Lern-Strategie, sagen Experten. Aber es gibt viele gute Methoden.

Auditiv oder visuell, kommunikativ oder doch eher motorisch? Wie man lernt, ist eine Frage des Typs. So steht es zumindest in vielen Ratgeberbüchern. Hören, sehen, sprechen oder ausprobieren: Das seien die vier Lerntypen, die meist kursieren, sagt Reiner Laue, der die Zentrale Studienberatung der Universität Stuttgart leitet. "In der Praxis macht es eher die Mischung", sagt Laue.

Der eine lernt besser, wenn er etwas hört. Der andere, wenn er es liest. Den Reiz solcher Konzepte versteht Nicole Vidal. "Sie sind schön griffig." Doch das Urteil der Erziehungswissenschaftlerin, die an der Pädagogischen Hochschule Freiburg lehrt, fällt eindeutig aus: "Populär aber unwissenschaftlich" seien diese Einteilungen. "Die Forschung bestätigt sie nicht." Die Zuordnung von Lerntypen ist sehr umstritten, sagt auch Psychologe Björn Kröske von der Berliner Humboldt-Universität. Aus psychologischer Fachperspektive hält er sie sogar für "Blödsinn".

Es wäre ja auch zu schön: Um die französische Grammatik oder die komplizierte Mathe-Formel zu verstehen, müssen die Informationen nur auf die richtige Art aufgenommen werden. So einfach ist es aber nicht. Bei Lerntypen wird die Art der Informationsaufnahme gerne mit Verarbeiten gleichgesetzt. "Dadurch wird suggeriert, dass es den einen goldenen Weg gibt", sagt Psychologe Kröske.

Eine Einteilung in Hör-Lerner oder Seh-Lerner ist allerdings zu allgemein gedacht. Dennoch: Menschen lernen auf verschiedene Arten unterschiedlich gut. Dabei geht es aber eher um Lernstrategien und Lernziele - nicht um Lerntypen. Ausprobieren lautet dabei die Devise. Laue ermuntert, verschiedene Lernformen zu testen. Zum Beispiel: Die Lerninhalte einsprechen und sich die Aufnahmen anhören. Dabei werden die Informationen gleich auf mehreren Ebenen verarbeitet. Oder: Fakten handschriftlich notieren, anstatt sie auf dem Computer einzutippen. Bis eine neue Lernstrategie fruchtet, kann es einige Zeit dauern. Geduld ist also gefragt.

Auch das Lernziel spielt eine Rolle - und das Vorwissen zu einem Thema. Björn Kröske erläutert es an einem Beispiel: Bekommt ein Laie in einem Gespräch die Funktionsweise eines Automotors erklärt, wird er sich kaum etwas merken können. Ihm fehlen Anknüpfungspunkte im Gedächtnis. Eine Zeichnung wäre hier hilfreicher, um Zusammenhänge zu verstehen. Dagegen wird ein Kfz-Mechaniker beim Zuhören schon lernen, da er bereits vorhandenes Wissen aktivieren und die neuen Informationen daran anknüpfen und im Gedächtnis einordnen kann.

Entscheidender noch ist aber die aktive Auseinandersetzung mit dem Stoff. Studienberater Laue plädiert für Lerngruppen. Wer über Lerninhalte redet, verarbeitet sie tiefer und kann sie in Prüfungen besser abrufen. "Damit Informationen in das Langzeitgedächtnis gelangen und dort auch langfristig abrufbar sind, müssen wir mit ihnen gearbeitet haben. Es geht darum, sie in bestehende Wissensstrukturen einzubetten", sagt Björn Kröske.

Die wenigsten Informationen merken sich Menschen beim ersten Mal. Wiederholung ist eine so triviale wie einleuchtende Lernstrategie. Erziehungswissenschaftlerin Vidal rät, Lernstoff zeitnah zu rekapitulieren. Vorlesungsnotizen zum Beispiel sollten Studierende nicht wochenlang liegen lassen, sondern schon ein bis zwei Tage danach überarbeiten. Erreichbare Ziele helfen ebenfalls beim Lernen. Die sollten möglichst konkret sein. Etappenweise kann auch das Gehirn am besten Wissen aufnehmen. Ein Beispiel ist das Lernen von Vokabeln: Statt die lange Liste von 50 Wörtern durchzugehen, sollten nur die ersten sieben bis neun gepaukt werden, bis sie sitzen. Mehr könne der Kopf nicht am Stück aufnehmen, sagt Reiner Laue. Das sogenannte Bulimie-Lernen, bei denen sich Studenten vor Prüfungen in wenigen Tagen den Lernstoff von Monaten hineinzwängen, bringt aus Sicht von Laue gar nichts.

(dpa)