Vorschulalter : Kleine Sprach-Genies

München (rpo). Kleine Kinder sind wie Schwämme, sie saugen alles auf, was sie hören. Folglich ist es in jungen Jahren auch deutlich leichter, eine Fremdsprache zu lernen. Wo Erwachsene bereits vor fast unüberwindlichen Hürden stehen, haben Kinder meist keine Probleme. Und künftig wird für eine Jobqualifikation die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, immer wichtiger.

Kein Wunder, dass viele Eltern ihre Kinder möglichst früh eine weitere Sprache lernen lassen wollen. Sprachkurse für die Kleinsten boomen, Bücher und Kassetten versprechen einen spielerischen Einstieg in Fremdsprachen. Doch auch wenn man eine Sprache nie wieder so leicht lernt wie als Kind, ist nicht jedes Sprachangebot für Vorschulkinder sinnvoll.

Wenn es um Sprache geht, sind kleine Kinder wie trockene Schwämme. Sie saugen alles auf, was sie hören, und erweitern damit Schritt für Schritt ihren Wortschatz, ihre Kenntnis von Grammatik und Satzbau. Das gilt für ihre Muttersprache genauso wie für eine fremde Sprache.

Doch irgendwann zwischen Kindergarten- und Grundschulalter schwindet diese Fähigkeit zum mühelosen Lernen und geht schließlich ganz verloren: Bei "drei bis fünf Jahren" setzt der Sprachwissenschaftler Professor Jürgen M. Meisel vom Sonderforschungsbereich "Mehrsprachigkeit" der Universität Hamburg die Grenze an.

Danach kann man zwar immer noch fremde Sprachen lernen. "Nur geschieht das dann auf andere Art und Weise und in anderen Bereichen des Gehirns", sagt Meisel. Und meist ist das Ergebnis nicht mehr so gut wie bei einem früheren Einstieg.

Immer mehr Eltern schicken deshalb ihre Kinder in Sprachkurse, sobald sie auf zwei Beinen stehen und ihre ersten Wörter sprechen können. Die Angebote vor allem für Englisch werden immer mehr. Mit Sprachunterricht, wie man ihn aus der Schule kennt, haben die Kurse in der Regel nichts zu tun.

Die Kinder singen Lieder und hören lustige Verse, zählen auf Englisch Bauklötze und backen typisch amerikanische Muffins. Auch die Kindergärten erleben eine wachsende Nachfrage nach Sprach-Anleitung für die Kleinsten und holen Englischlehrer ins Haus.

Sprachwissenschaftler Meisel wertet solche Angebote grundsätzlich positiv - eben weil sie die natürliche Lernfähigkeit in diesem Alter ausnutzen. "Auch bei weiteren Sprachen tut man sich dann vermutlich leichter", sagt er. Die Eltern sollten ihre Erwartungen allerdings nicht zu hoch schrauben. Ein, zwei Stunden Spanisch in der Woche machen aus einem vierjährigen Deutschen keinen kleinen Spanier. Je intensiver der Kontakt mit der anderen Sprache ist - beispielsweise in zweisprachigen Kindergärten, in denen eine Erzieherin konsequent nur die Fremdsprache spricht - umso besser ist das Ergebnis.

Jede Art von Leistungsdruck ist jedoch bei den kleinen Sprachschülern fehl am Platz. "Die Kinder sollten vor allem Spaß haben", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Karin Jampert, die für das Deutsche Jugendinstitut Sprachangebote in Kindertagesstätten untersucht hat. Und wenn ein Kind lieber zum Turnen geht als in die französische Krabbelgruppe, "dann muss man das akzeptieren". Ein Sprachkurs, auf den das Kind keine Lust hat, bringt gar nichts - auch wenn in der Theorie die Lernvoraussetzungen noch so gut wären. Jampert rät Eltern zur Gelassenheit: Man kann eine Sprache auch später noch lernen.

Bei der Auswahl der Kurse sollten Eltern weniger darauf achten, wie viele neue Wörter die Kinder lernen. "Viel wichtiger ist, dass die Kursleiter mit kleinen Kindern umgehen können und sensibel auf sie eingehen", sagt Karin Jampert.

Wenn Eltern nun selbst ihre verschütteten Sprachkenntnisse ausgraben und mit den Kindern Englisch-Unterricht spielen, dann bringt das nach Jamperts Einschätzung nicht viel. "Für kleine Kinder sind Klang und Rhythmus einer Sprache sehr wichtig." Und das bekommt ein Muttersprachler einfach am besten hin. Außerdem kennen "native speaker" Lieder und Reime, die Kindern Spaß machen - weil sie eben selbst als Kinder die Sprache gesprochen haben.

Es muss übrigens nicht immer Englisch sein. Gerade in Kindergärten ließen sich Sprach-Angebote mit wenig Aufwand realisieren, sagen die Experten Meisel und Jampert: "Warum muss man unbedingt eine bestimmte Sprache herzerren, wenn doch in den meisten Einrichtungen ganz viele andere Sprachen jeden Tag gesprochen werden", findet die Erziehungswissenschaftlerin.

Warum lasse man nicht einfach eine türkische Mutter mit den Kindern Lieder singen? Oder die Kinder sich untereinander Wörter in ihrer Muttersprache beibringen? "Solche Spracherlebnisse aus dem Alltag motivieren die Kinder oft viel mehr", betont auch Professor Meisel. Und je interessanter etwas ist, umso besser lernt man es auch.

(afp)