Studentenleben : Keine Zeit verlieren

Meine jüngeren Kommilitonen haben es nicht leicht. Ständig sind sie den missbilligenden Blicken der fortgeschrittenen Studenten ausgesetzt. Die spötteln darüber, dass die jüngste Generation es mit Ehrgeiz und Fleiß angeblich übertreibt. Das Ironische daran: Auch über meinen Jahrgang haben die Älteren damals schon gesagt, dass wir alle viel zu verbissen sind. Offenbar werden die Erstis also immer als besonders strebsam wahrgenommen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste Erklärung ist Neid. Möglicherweise sind die Examenskandidaten neidisch auf die Erstsemester, die von Anfang an Vollgas zu geben scheinen.

Denn sie wissen: Auch ihnen hätte es wahrscheinlich nicht geschadet, von Beginn an wirklich mitzuarbeiten. Jetzt ist es zu spät und sie müssen zusehen, dass sie ihre Lücken noch irgendwie gefüllt kriegen. Die andere Erklärung ist, dass die Studenten einfach wirklich von Jahr zu Jahr fokussierter werden. Das ist die Erklärung, die ich bevorzuge. Die sinkende Zahl der Studenten, die ins Ausland will, ist dafür ein Indiz. Als ich im vierten Semester war, wollten nahezu alle für zwei Semester weg. Das gehörte irgendwie zum guten Ton.

Jetzt bewerben sich viel weniger Viertsemester für die Plätze. Es gibt natürlich auch viele legitime Gründe, nicht ins Ausland zu gehen. Aber die Viertsemester erklären mir, dass sie einfach nicht ein ganzes Jahr verlieren wollen. Einige von ihnen haben mit 17 Jahren angefangen zu studieren. Das ist der Moment, ab dem auch ich dann anfange, missbilligend zu gucken.

(RP)