Studentenleben Anne Blauth: Im Studienendspurt

Studentenleben Anne Blauth: Im Studienendspurt

An der Zimmertür hängt seit neuestem ein Schild: "It's the final countdown!" Wir haben es an die Tür unserer Mitbewohnerin gehängt, die wir gerade kaum zu Gesicht bekommen. Der Grund dafür: Ihr Physikum steht kurz bevor, die gefürchtete Prüfung also, die im Studienfach Medizin in der Regel nach den ersten vier Semestern absolviert wird. Und deshalb springt meine Mitbewohnerin morgens aus dem Bett, fällt abends wieder hinein und inhaliert in der Zwischenzeit das Wissen aus ein paar alles andere als handlichen Handbüchern. So wirkt es zumindest von außen betrachtet. Von außen würde man als Laie außerdem diagnostizieren: Ihre Nerven liegen blank. Wobei sie mich wahrscheinlich korrigieren würde, dass Nerven rein medizinisch gesehen gar nicht blank liegen können. Oder wenn doch, dann nur unter gewissen Umständen, die sie - daran besteht kein Zweifel - im Schlaf wiedergeben könnte.

Manchmal begegne ich ihr in der Küche. In der Zeit, in der mein Tee zieht, flüstert sie schnell und unaufhörlich lateinische Begriffe vor sich hin. Stumm deute ich auf das Schild meines Teebeutels. Dort steht ein Spruch: "Ein entspannter Geist ist kreativ." "Gut, dass ich nicht kreativ sein muss", murmelt meine Mitbewohnerin und ihre Mundwinkel deuten ein Lächeln an. Etwas ihrer positiven Energie scheint sich schwach, aber tapfer gegen den Stress zu behaupten. Der Rest der Wohngemeinschaft arbeitet daran, dass das auch so bleibt: Einige setzen sich aus Solidarität mit an ihren Tisch, um zu lernen. Andere berichten vom Leben außerhalb von Büchern, Universität und Schreibtisch - so kann sie Freizeit zumindest passiv erleben. Und alle helfen gerne mit, wenn es darum geht, ein lebhaftes Bild von einem Leben nach den Prüfungen zu zeichnen. An der Zimmertür hängt deshalb auch eine Liste. Darauf stehen unsere Vorschläge für das Leben danach, diverse Freizeitaktivitäten, die die Leere nach den Prüfungen füllen sollen. Auch wenn die Aufgaben alles andere als gleichmäßig verteilt sind: Ihr Physikum ist bei uns zu einem Gemeinschaftsprojekt geworden.

(RP)