Analyse: Gute Gründe für das Sitzenbleiben

Analyse : Gute Gründe für das Sitzenbleiben

Keine Ehrenrunden mehr in der Schule? Rot-Grün in Hannover will das, auch NRW verfolgt dieses Ziel. Die harte Leistungsbewertung ist auf dem Rückzug. Kritiker fürchten, dass dieser Idealismus der Realität nicht standhält.

Alles Sitzenbleiber. Peer Steinbrück scheiterte an Mathematik und Griechisch, Edelgard Bulmahn an Latein, Christian Wulff an Englisch und Französisch, Mehmet Scholl an Latein und Französisch, Johannes B. Kerner an den Naturwissenschaften.

Der Strauß der Fächer, in denen Schüler strauchelten, ist so vielfältig wie die Berufe, in denen sie später prominent wurden. Wulff brachte es trotz Ehrenrunde zum Bundespräsidenten, Bulmahn zur Bildungsministerin, Steinbrück trotz Mathe-Schwäche (!) zum Finanzminister. Scholl wurde gefeierter Fußballprofi, Kerner ein TV-Star.

Dass die schulische Stolper-Erfahrung Hunderttausender Deutscher in diesen Tagen Gegenstand einer politischen Debatte wird, das liegt an einem dürren Satz im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen für Niedersachsen.

"Die rot-grüne Koalition", heißt es dort, "wird Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig machen." Keine Schuljahreswiederholung mehr, soll das heißen, und kein erzwungener Wechsel der Schulform, weil ein Schüler etwa am Gymnasium nicht mehr mitkommt.

Heftige Kritik

Das (nur langfristig zu erreichende) Ziel ist weitgesteckt; entsprechend heftig ist die Kritik. Über eine "Abitur-Vollkasko-Garantie" spottet Lehrerverbandspräsident Josef Kraus. Von "leistungsfeindlicher Einstellung" spricht Jürgen Böhm, Chef der Vertretung der Realschullehrer; "pädagogischen Populismus" wittert Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Auf der anderen Seite formieren sich die Unterstützer, angeführt vom Präsidenten der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD). Auch Sylvia Löhrmann (Grüne) aus NRW verteidigt die Niedersachsen: "Wir müssen mit der Lebenszeit junger Menschen verantwortlich umgehen."

Die Bereitschaft der Schulen wachse, sagt Löhrmann, "die Schüler, die sie aufgenommen haben, mit ihrer Lernausgangslage anzunehmen und zu unterstützen". Das sei ein "Bewusstseinswandel", den man "nach und nach in unseren Schulen verankern" müsse.

Das Ziel ist für Löhrmann klar: "Individuelle Förderung heißt, die Schüler kontinuierlich zu begleiten und frühzeitig zu intervenieren, damit es erst gar nicht zum Sitzenbleiben kommt."

931 Millionen Euro pro Jahr für Ehrenrunden

In anderen schulpolitischen Fragen regiert längst der Pragmatismus, etwa in Sachen Struktur — so verständigten sich angesichts einbrechender Schülerzahlen 2011 Rot-Grün und CDU in NRW, Sekundarschulen einzuführen und der Hauptschule die Verfassungsgarantie zu entziehen. Beim Sitzenbleiben aber stehen die alten Fronten: Konservative gegen Reformer, Links gegen Rechts, Schwarz gegen Rot.

Daher sind die Argumente so grundsätzlich. Während die einen ohne Sanktionen den Leistungswillen bröckeln sehen, fürchten die anderen die Frustration der Wiederholer. Und dann ist da noch die Effizienz.

Löhrmann beklagt, Sitzenbleiben verschwende Lebenszeit; die Bertelsmann-Stiftung bezifferte die Kosten aller Ehrenrunden 2009 auf exakt 931 Millionen Euro pro Jahr — durch erneut anfallende Ausbildungskosten, teils auch durch zusätzliche Personalzuweisung an Wiederholer-Klassen.

Gigantische Kosten, lädierte Kinderseelen, vertane Jahre — wer wäre da noch für das altmodische Sitzenbleiben? Dieter Neumann zum Beispiel. "Es gibt kein belastbares empirisches Ergebnis, dass längeres gemeinsames Lernen heterogener Gruppen zu besseren Ergebnissen führt", sagt der Bildungsforscher an der Uni Lüneburg. Wie die stärkere Förderung des Einzelnen aussehen könne, sei schlicht unklar: "Es gibt noch keine Methode, Sitzenbleiben überflüssig zu machen."

"Selbstwertschützenden Wirkung"

Neumann hält den Feldzug gegen das Sitzenbleiben aber auch für zweifelhaft, weil er zu idealistisch sei. "Diese Politik unterschätzt die stigmatisierende Wirkung des Verbleibs in der Klasse. So sozial, wie immer unterstellt wird, sind Kinder nicht."

Im alten Klassenverband drohten dauernde Hänseleien, während in der neuen Klasse Erfolgserlebnisse möglich seien. Von einer möglichen "selbstwertschützenden Wirkung" des Sitzenbleibens spricht Neumann daher: "Eine Wiederholung kann sich sogar positiv auf die Motivation des Schülers auswirken." Ohne Sitzenbleiben drohe zudem ein Verfall des Anforderungsniveaus vor allem am Gymnasium.

Bessere Noten bei Wiederholern hat bereits in den 90er Jahren eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung festgestellt. "Mindestens für einen Teil der Schüler" führe die Ehrenrunde "zu einer anhaltenden Verbesserung des Leistungsstatus", hieß es damals — und zwar desto stabiler, je höher die wiederholte Klasse ist.

Herrschende Meinung allerdings ist das nicht — die Gegner des Sitzenbleibens haben den schulpolitischen Zeitgeist als mächtigen Verbündeten. Harte Kriterien zur Leistungsüberprüfung und -bewertung, oft verbunden mit folgender Trennung der Schüler, sind auf dem Rückzug. Hamburg hat die Abschaffung des Sitzenbleibens bis 2017 beschlossen, eine Handvoll Bundesländer hat es eingeschränkt.

Keine Regel ohne Ausnahme

In NRW sind Ziffernnoten für Drittklässler nicht mehr Pflicht. Gesamtschulen dürfen mehr in gemeinsamen Gruppen unterrichten; an den neuen Sekundarschulen ist Differenzierung nach Bildungsgängen grundsätzlich nicht zwingend. Und selbst der linker Anwandlungen unverdächtige Philologenverband NRW hat angeregt, die Zahl der Klassenarbeiten zu reduzieren — zur Entlastung von Schülern und Lehrern.

Freilich gilt wie stets: keine Regel ohne Ausnahme — in diesem Fall schert Bayern erfinderisch aus. Der Freistaat hat 2012 die Möglichkeit des Sitzenbleibens sogar ausgeweitet. Gymnasiasten, die mit der hohen Schlagzahl auf dem Weg zum "Turbo-Abitur" nicht klarkommen, können auf Wunsch eine Klasse wiederholen.

Dabei bediente sich der christsoziale Kultusminister ironischerweise derselben Begründung wie Rot-Grün in Niedersachsen oder NRW. Spaenles Motiv für die freiwillige Ehrenrunde? "Mehr Zeit für den einzelnen Schüler."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sind prominente Sitzenbleiber

(RP/csr/das/pst/ac)
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