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Düsseldorf: Prorektor der Heinrich-Heine-Universität zu Bildungschancen

Interview Prorektor der Heinrich-Heine-Universität zu Bildungschancen : „Das Themenfeld Chancengleichheit braucht mehr Sichtbarkeit in der Politik“

Christoph Börner ist Professor und Prorektor für Studienqualität und Lehre an der Heinrich-Heine-Universtität. Er erklärt, was die Hochschulen schon heute für Studierende aus Nicht-Akademikerfamilien tun und welches die größten Hürden sind.

Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben es noch immer schwerer, an eine Hochschule zu kommen. Während 71 Prozent aller Schüler aus diesen Haushalten kommen, sind es an Hochschulen nur noch 48 Prozent aller Studierenden. Das geht aus einem Diskussionspapier des Stifterverbands im Rahmen seiner Bildungsinitiative "Zukunft machen" in Zusammenarbeit mit McKinsey & Company hervor, das im Oktober veröffentlicht wurde. Wir haben mit Christoph Börner, Professor und Prorektor an der Heinrich-Heine-Universität, darüber gesprochen, wie die Situation vor Ort ist.

Hallo Herr Börner, erstmal eine Frage zu Beginn: Kommen Sie aus einem Akademikerhaushalt?

BÖRNER Ja, mein Vater hat studiert und promoviert und meine Mutter hatte mal angefangen zu studieren.

Inwiefern hat das Ihren akademischen Lebensweg geprägt?

BÖRNER Das ist natürlich schwer zu beurteilen. Man weiß ja nie, was sonst aus einem geworden wäre. Aber ich glaube schon, dass es mich beeinflusst hat. Bei mir war die Idee zu studieren schon während der Schulzeit da, auch wenn ich zwischen Abitur und Studium noch eine kaufmännische Ausbildung als Orientierungsphase geschoben habe. Die hat mich dann aber in meinem Studienwunsch bestätigt.

Sie sind Prorektor für Studienqualität und Lehre. Was bedeutet das?

BÖRNER Das heißt, ich versuche die Stakeholder bei den Themen zu Studium und Lehre, die es an der Universität gibt, an einen Tisch zu bringen und mit ihnen dann strategische und manchmal auch operative Dinge zu besprechen und sozusagen einen Abgleich zwischen dem, was die Hochschulleitung will und dem, was die einzelnen Fakultäten wollen, herzustellen. Und meistens gelingt das glücklicherweise auch.

Eine neue Studie des Stifterverbandes zum Bildungsweg von Erststudierenden zieht erstmal ein positives Fazit: Haben Nichtakademikerkinder erst mal eine Hochschule erreicht, sind sie dort ebenso erfolgreich wie Kinder aus Akademikerfamilien. Können Sie das bestätigen?

BÖRNER Grundsätzlich ja. In den letzten Jahren hat sich da viel getan, was auch auf die Aktivitäten der Unis – nicht nur hier in Düsseldorf – zurückzuführen ist, um die Barrieren, denen sich Kinder aus nicht-akademischen Haushalten gegenübersehen, ein Stück weit abzubauen.

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Gibt es denn noch andere Faktoren, die die Entscheidung zu studieren beeinflussen?

BÖRNER Auf diese Entscheidung haben ganz viele Faktoren einen Einfluss. Menschen sind eben sehr unterschiedlich. Ich denke auch, dass das ein Prozess ist, der sich selbst verstärken kann. Wenn Schülerinnen und Schüler erleben, dass andere, die vielleicht ebenfalls aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt kommen, in diese Richtung denken, dann zieht sie das sicherlich mit. Und ich denke auch, dass das sehr früh anfängt und dadurch eine gewisse Dynamik entstehen kann.

Die Chancen sind ja aber trotzdem nicht gleich verteilt. Nur 27 Prozent der Grundschüler aus Nichtakademikerhaushalten beginnen später ein Studium, bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Woran liegt das?

BÖRNER Auch das hat sehr viele Faktoren. Das hat natürlich zum einen mit der Sozialisation und der Erfahrungswelt in den Familien zu tun. Und wenn wir über Maßnahmen nachdenken, die die Hochschulen ergreifen können, dann sprechen wir, glaube ich, nur einen Teil dieser Faktoren an. Ganz vieles entscheidet sich ja vorher schon: in der Schule beispielsweise, in den Elternhäusern, im kompletten sozialen Gefüge und nicht erst bei dem Schritt zur Uni.

Und was wird hier an der Heinrich-Heine-Universität für mehr Chancengleichheit getan?

BÖRNER Wir sind Teil des Talentscouting NRW. Das heißt, wir haben mit zweieinhalb Stellen Talentscouts an der Uni beschäftigt, die auf Empfehlung von Lehrerinnen und Lehrern mit Schülerinnen und Schülern aus Nicht-Akademiker-Haushalten sprechen und versuchen, sie zu informieren, sie insbesondere auch erstmal zu ermutigen, über ein Studium nachzudenken.

Sie sind also die Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule?

BÖRNER Genau, die Talentscouts sind dann auch zu Sprechstunden vor Ort. Sie suchen also nicht selber die Talente, das können die Lehrkräfte, die die Schülerinnen und Schüler kennen, viel besser. Dann beantworten sie aber Fragen, die sich viele Schüler stellen: Wie funktioniert ein Studium, welche Fächer gibt es und was sind die Zulassungskriterien? Es geht sehr viel um Ermutigung, bis hin zu praktischer Hilfe mit Workshops oder Ähnlichem.

Und was müsste denn noch getan werden, von politischer Seite aber auch seitens der Hochschulen?

BÖRNER Prinzipiell wäre – wie immer – natürlich mehr Geld sehr hilfreich. Wir würden gerne mehr Talentscouting machen, also mehr Mittel haben, um die Leute in die Schulen zu schicken. Ich glaube, es fehlt aber ein Stück weit auch noch an Verständnis dafür, dass das eine Aufgabe ist, die die Gesellschaft aktiv angehen sollte. Das Themenfeld braucht mehr Sichtbarkeit in der Politik. Wir fangen in NRW nicht bei null an, es gibt bereits viele Initiativen und Förderungen. Aber auf einer allgemeineren Ebene fragen viele, warum man überhaupt den Aufwand der Förderung betreibt. Von „Man kann Leute ja nicht ins Studium zwingen“ bis „Es muss ja auch nicht jeder studieren“ ist da alles dabei. Dabei wäre ein differenzierterer Blick sehr hilfreich.

Weil es darum ja nicht geht?

BÖRNER Genau, es geht um Information, übrigens in beide Richtungen. Wer aus einer Akademikerfamilie kommt, muss ja auch nicht zwangsläufig studieren. Es geht darum, allen ungeachtet ihrer akademischen Herkunft die Ausbildung zu ermöglichen, die zu ihnen passt.

Herr Börner, Sie haben den Lehrstuhl für „Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzdienstleistungen“ inne. Dort beschäftigen Sie sich in Forschung und Lehre mit Banken, Versicherungsunternehmen und anderen Finanzdienstleistern. Im Fokus steht dabei laut der Website der Uni das Zusammenspiel von institutionellen Strukturen, geschäftspolitischen Strategien und regulatorischen Anforderungen. Inwiefern spielt das auch in die Thematik von Bildungswegen eine Rolle?

BÖRNER Letztlich geht es in beidem darum, verlässliche Strukturen zu schaffen. Deshalb ist es uns auch wichtig, ein gutes Verhältnis zu unseren Partnerschulen zu pflegen, damit die Talente an den Schulen wirklich erkannt werden. Und das unabhängig vom Hintergrund und Engagement der Eltern, denn auch deren Selbstbewusstsein kann sehr unterschiedlich sein. Gleichzeitig müssen aber auch Anreize geschaffen und muss deutlich gemacht werden, um was es im Studium eigentlich geht. Und letztlich muss man auch darauf vertrauen, dass sich im Nachgang des Prozesses ein gewisser Lerneffekt einstellt und sich das System irgendwann selbst trägt. Also, dass Menschen erkennen, dass Bemühungen wie das Talentscouting oder Schnuppertage etwas bringen und einen positiven Effekt haben.

Nun sind ja nicht alle Akademiker oder Nicht-Akademiker gleich. Welche Voraussetzungen sind für Sie denn zentral, einem Kind einen möglichst guten Einstieg in eine Hochschule zu bieten?

BÖRNER Ich glaube schon, dass man grob wissen sollte, wie ein Studium funktioniert, man muss eine Neugier mitbringen und vor allem auch eine Lebensperspektive entwickeln, die über das Studium hinausgeht. Das heißt, es muss klar sein, dass ein Studium auch kein Selbstzweck sein sollte, sondern der Persönlichkeitsentwicklung dient, aber eben auch Mittel zum Zweck ist. Also kein Studium nur um des Studiums willen, sondern immer mit einer Perspektive für den Lebensweg danach.

Glauben Sie, dass Corona eine Bremse hinsichtlich der Chancengleichheit werden könnte? Stichwort Home-Schooling: Nicht alle Kinder haben permanent Zugriff auf Laptops oder einen Raum, in dem sie ungestört arbeiten können?

BÖRNER Kurze Antwort: Ja. Corona kann definitiv eine Bremse sein, sowohl für Schülerinnen und Schüler, als auch für Studierende, vor allem auch für diejenigen, die sich genau dazwischen bewegen. Denn Orientierung geht immer ein Stück weit über persönlichen Kontakt, der ja zurückgefahren werden musste. Aber auch der Kompetenzerwerb in der Schule hat mit Sicherheit an einigen Stellen gelitten. Diese Rückschläge werden schwierig wieder aufzuholen sein.

Sind die ungleichen Chancen eigentlich nur eine Frage des Geldes? Oder welche anderen Faktoren spielen da noch mit?

BÖRNER Ganz unabhängig von sämtlichen Vorurteilen gibt es natürlich zahlreiche Hemmnisse, die den Weg an eine Hochschule erschweren können, nicht nur der akademische Bildungsgrad der Eltern. Da können sprachliche, kulturelle oder auch materielle Barrieren eine Rolle spielen.

Was wird aktuell denn schon getan, um diese materiellen Unterscheide auszugleichen?

BÖRNER In allgemeineren Fragen kann unser Studierenden-Service-Center helfen, also die Beratungsstelle, die allen Studieninteressierten offen steht. Konkret geht es natürlich meistens um Bafög, das trifft dann die Zuständigkeit des Studierendenwerks. Da findet man im Zweifelsfall auch Hilfe mit den Anträgen und Formularen.

Herr Börner, ich danke Ihnen für das Gespräch!