Jena: Die Ur-Burschenschafter sahen aus wie Hippies

Jena: Die Ur-Burschenschafter sahen aus wie Hippies

Der erste Studentenbund verstand sich als Speerspitze für die Einheit Deutschlands.

Das altehrwürdige Gasthaus "Grüne Tanne" in Jena lockt mit einem Jubiläumsmenü. Für 12,90 Euro bekommt der Besucher ein Thüringer "Dreierlei" aus Sauerkraut, Bratwurst, Kloß und "Rostbrätel", vulgo Schweinenackensteak. Gratis dazu gibt's ein großes Pils. Böse Zungen mögen einwenden, dass der Wirt die Rechnung ohne den Gast gemacht habe, richtet sich das Angebot doch an all jene, die der Gründung der sogenannten Urburschenschaft vor 200 Jahren, am 12. Juni 1815, gedenken wollen. Der gemeine Burschenschafter, so zumindest lautet ein Vorurteil, ist äußerst trinkfest. Mit anderen Worten: Ein halber Liter Bier wirkt da etwas kniepig.

Andererseits: Wer mehr des Gerstensaftes ordert, kurbelt den Umsatz an. Und er tut dies an historischem Ort. Denn hier, an der Camsdorfer Brücke, versammelten sich 1815 genau 143 Stifter, um die erste Burschenschaft ins Leben zu rufen. Zusammenschlüsse von Studenten hatte es bereits seit der Wende zum 13. Jahrhundert gegeben, gut 100 Jahre nachdem im italienischen Bologna die erste Universität der Welt ihren Betrieb aufgenommen hatte. Vielfach handelte es sich dabei um landsmannschaftliche Gruppen.

Unter dem Eindruck des gemeinsamen Kampfs gegen den französischen Kaiser Napoleon wollten die Urburschenschafter mehr: einen Bund aller Studenten, um auf diese Weise die heiß ersehnte Einheit Deutschlands voranzutreiben. Den Takt gab Ernst Moritz Arndt (1769-1860) mit seinem Gedicht "Was ist des Deutschen Vaterland?" vor. Die erste Strophe stellten die Jenaer Stifter ihrer Verfassungsurkunde voran: "Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Frankenland? Ist's Sachsenland? Ist's wo am Rhein die Rebe blüht? Ist's wo am Belt die Meve zieht? O nein! nein! nein! Sein Vaterland muß größer seyn."

Die Botschaft war klar: Die Burschen verstanden sich als Avantgarde, was sie auch nach außen zeigten. Offenes Hemd, lange Haare, Bart - so mancher Hippie, der in den 1960er Jahren die Unis aufmischte, wäre da vor Neid erblasst. Zudem entschieden sich die Altvorderen für "einen schwarzen Waffenrock mit Aufschlägen von rothem Sammet, die mit Eichelblättern von Gold verziert sein können". Darunter trug man schwarze lange Hosen und Stiefel mit Sporen, auf dem Kopf einen Hut oder Helm mit Feder, an der Seite ein Schwert. "Die Schärpen, welche bey feyerlichen Aufzügen gebraucht werden, sind schwarz und roth, mit Gold durchwirkt."

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Da schimmern sie bereits durch, Deutschlands spätere Nationalfarben. Der erste Wahlspruch indes, "Dem Biedern Ehre und Achtung", liest sich wie eine Absage an die wilden Händel, die sich die Landsmannschaften und andere ältere studentische Gesellschaften lieferten. Viele Städte stöhnten über Gelage, Raufereien und Duelle, die auch unbescholtene Bürger in Mitleidenschaft zogen. Die Burschenschafter konterten diese Auswüchse mit genauen Vorschriften, wie ihre Mitglieder zusammenleben und in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten sollten.

Die Idee zog - anfangs zumindest. Rund 60 Prozent der Studenten in Jena schlossen sich der Verbindung an. Das im Oktober 1817 von der Burschenschaft ausgerichtete erste Wartburgfest brachte Teilnehmer aus zwölf Universitäten nach Eisenach. Aber schon 1819 kam der Bruch, eine übergreifende Bewegung blieb ein Traum. "Und Gott hat es gelitten, wer weiß, was er gewollt!", trauerte Daniel August von Binzer (1793-1868). Die Urburschenschaft zerfiel in die Teutonia, Germania und Arminia. Letztere nutzt heute wieder die "Grüne Tanne" als Korporationshaus.

In den beiden Jahrhunderten dazwischen hat sich eine Menge getan. Spätestens mit der Reichsgründung 1871 driftete ein Teil der Burschenschaften ins reaktionäre oder konservative Lager ab. In jüngerer Zeit gab es wiederholt Kritik wegen rechtsextremer Tendenzen. Manch ein Bursche oder "Alter Herr" nimmt Arndts Gedicht allzu wörtlich und pflegt ein angestaubtes nationales Pathos, gewürzt mit einer Prise dumpfen Rassismus'. Diese Mischung dürfte selbst eingefleischten Anhängern traditioneller Studentenherrlichkeit weit schwerer im Magen liegen als das Thüringer Dreierlei in der "Grünen Tanne".

(KNA)
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