Heiner Barz: Credit Points - wichtig fürs Auslandsstudium

Heiner Barz : Credit Points - wichtig fürs Auslandsstudium

Professor Heiner Barz, Bildungsforscher an der Uni Düsseldorf, verteidigt die mit den Bachelor- und Master-Studiengängen eingeführten Credit Points gegen ihre Kritiker: Sie erhöhten die Vergleichbarkeit von Studienleistungen.

(RP) Je nach Studienveranstaltung, die man als Student besucht, bekommt man eine bestimmte Anzahl von Credit Points. Mal gibt es nur ein paar, mal bis zu 15 für ein einzelnes Modul. Mal bekommt man Credit Points allein für die Teilnahme, mal müssen bestimmte Leistungen wie eine Hausarbeit erbracht werden. Pro Semester sammelt man rund 30 Credit Points - bei einem sechssemestrigen Bachelor macht das insgesamt 180. Manche sehen in diesem System einen Ausdruck von Verschulung des Studiums.

Die Credit Points wurden eingeführt, damit die Leistungen von Studenten in ganz Europa vergleichbar wurden. Ist das Ziel erreicht worden?

Barz Man hat das Ziel vielleicht noch nicht hundertprozentig erreicht, ist aber doch deutliche Schritte in diese Richtung gegangen.

Mit der Einführung der Credit Points verband sich auch die Hoffnung, dass man Studienabbrechern etwas an die Hand geben könne, womit sie ihre Studienleistungen dokumentieren können. Hat sich die Hoffnung erfüllt?

Barz Das war auch früher schon möglich - dass ein Student, der abbrach, sagte: Ich habe schon sieben "Scheine" in Methodik, Fachdidaktik und Mittelhochdeutsch. Die Credit Points haben eigentlich als Maßeinheit die Semesterwochenstunden ersetzt. Inzwischen sagt man zu Recht: Zum Studium gehört nicht nur die Präsenz, sondern auch Vor- und Nachbereitung, die Bearbeitung eines Themas in Eigenregie. Ein Credit Point soll 30 Arbeitsstunden entsprechen. Darin steckt natürlich auch eine gewisse Unschärfe. Nicht jeder Dozent verlangt den gleichen Aufwand für Hausaufgaben oder gibt die gleiche Anzahl von Lektüre-Empfehlungen. Der eine Student arbeitet schneller, der andere langsamer. Das alles ist nur eine Annäherung. Doch von der Idee her ist das System nicht verkehrt.

Aber überprüfen kann man ja nicht, wie intensiv ein Studierender seine Vorlesungen vor- und nachbereitet.

Barz Die aufgewendete Zeit wird tatsächlich nicht überprüft, sondern erworbenes Wissen wird in Klausuren abgefragt. Es gibt aber Forschungen zum Zeitaufwand. Der Kollege Rolf Schulmeister von der Universität Hamburg hat etliche Studiengänge darauf geprüft, wie viel Zeit die Studenten für ihr Studium aufbringen. Er kam zu der mehr oder weniger ernüchternden Erkenntnis, dass der Student statt der kalkulierten 40 Stunden pro Woche durchschnittlich nur 23,6 Stunden pro Woche für sein Studium arbeitet. Der "Spiegel" schrieb damals: "Erschöpft vom Bummeln". Allerdings täuschen diese 23,6 Stunden auch, denn sie verteilen sich nicht gleichmäßig übers Semester. Nach wie vor ist es ein riesiges Problem, dass am Ende des Semesters die Klausuren anstehen und die Arbeitsbelastung der Studenten deutlich steigt.

Im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess wurde immer wieder beklagt, dass das Studium verschult werde. Tragen die Credit Points nicht erheblich dazu bei?

Barz Die Verschulung hat natürlich viele Nachteile, aber auch Vorteile. Für manchen Studenten ist es besser, wenn er ein Gerüst hat, an dem er sich orientieren kann. Schließlich ist nicht jeder dafür geboren, dass er sich alles selbst erarbeitet, ein interessengeleitetes autonomes Studium absolviert. Die Credit Points sind innerhalb des Systems, das viel mehr Strukturierung vorgibt, sicher ein Element, aber nicht das ausschlaggebende.

Wie werden Credit Points in der Professorenschaft beurteilt?

Barz Auf Hochschullehrerseite gibt es nach wie vor zwei Lager. Die Modernisierer sagen: Das ist sinnvoll, mehr Transparenz, mehr Struktur, mehr Vergleichbarkeit, mehr Internationalisierung. Die traditionalistische Fraktion der Professoren sieht in den Credit Points auch ein Element, das der Idee des Studiums widerspricht, weil Studieren heißt: in Muße sich mit Dingen zu befassen und in freier Assoziation zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Und was sagen die Studierenden?

Barz Die Studierenden haben im Hochschulalltag mit den Credit Points relativ wenig zu tun. Die haben so lange keine Meinung dazu, solange sie nicht ins Ausland wechseln wollen. Für sie ist die Prüfungsordnung wichtig, die vorschreibt, wann welche Kurse und welche Module abgeschlossen sein sollten.

Wenn man Sie beauftragen würde, eine Reform der Credit Points zu konzipieren - was würden Sie ändern?

Barz Optimierungsbedarf gibt es eher in der Umsetzung - weniger in der Grundidee. Was anfangs oft bemängelt wurde, war die fehlende Vergleichbarkeit auf internationaler Ebene. Man hatte die Credit Points eingeführt, um die Mobilität der Studenten zu erhöhen - damit sie, was sie im Ausland studieren, hier auch angerechnet bekommen. Inzwischen hat sich die Kooperation zwischen den Unis nicht zuletzt durch das Erasmus-Programm aber deutlich verbessert. Aus unserem International Office höre ich, dass die Klagen selten geworden sind.

BERTRAM MÜLLER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)
Mehr von RP ONLINE