Dozentenleben : Bloß nicht festlegen

Haben Sie mal versucht, sich mit einem Teenager zu verabreden? Das ist fast unmöglich. Alle haben heute ein Smartphone mit Terminkalender und Erinnerungsfunktion, doch trotzdem bedarf es etlicher weiterer Abstimmungen und Rückversicherungen per Whatsapp, bis dann schließlich der Termin doch kurzfristig abgesagt wird. In meiner Generation, noch ganz ohne Handy, reiste man gern nach dem Abi per Interrail durch Europa. Wir hatten uns an einem bestimmten Tag mittags um zwölf auf der Piazza del Campo in Siena verabredet, und, was glauben Sie, wir waren natürlich vollzählig dort. Heute undenkbar.

Die große Scheu vor festen Verabredungen scheint einherzugehen mit einer generellen Abneigung, sich festzulegen. Ganz gleich, ob Abendprogramm, Urlaub, Freund/Freundin, Studium oder Beruf, immer scheint es noch eine bessere Möglichkeit, einen attraktiveren Menschen oder ein interessanteres Studienfach zu geben. Und das schon hinter der nächsten Ecke oder in den nächsten Minuten. Und bevor man das verpasst, so der Gedanke, legt man sich besser gar nicht fest. Ein auf diese Weise selbst versautes Wochenende ist sicher leicht zu verschmerzen; die verpasste Reise, zu der die anderen ohne einen aufbrechen, weil man sich nicht entscheiden konnte, tut schon mehr weh. Ganz blöd wird es, wenn man in der Hoffnung auf ein noch tolleres Angebot einen Studien- oder Ausbildungsplatz nicht rechtzeitig annimmt. Schuld sind, glaube ich, amerikanische Filme, in denen es immerzu um die eine einzig wahre Liebe, die einzige Berufung geht, die man im Leben finden muss. Leute, das ist ein Hollywood-Märchen. Im wahren Leben gibt es für jeden von uns mehr als einen Menschen zum Lieben und mehr als einen Beruf, mit dem man sehr glücklich werden kann. Man muss sich nur mal festlegen.

(RP)