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Nach Uni-Schließung in Weißrussland: Bildungs-Exil an der Oder

Nach Uni-Schließung in Weißrussland : Bildungs-Exil an der Oder

Frankfurt/Oder (rpo). 38 Studenten der Europäischen Humanistischen Universität Minsk (EHU) besuchen seit dieser Woche Vorlesungen und Seminare in Frankfurt an der Oder. Sie nehmen jedoch nicht etwa an einem Austauschprogramm teil, sondern sie befinden sich im "Bildungs-Exil". Der Grund: Nachdem sich der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko am vergangenen Sonntag zum Sieger des Referendums über eine dritte Amtszeit erklärt hatte, ließ er ihre westlich orientierte Universität schließen.

Während sich einige Studierende der EHU für das Frankfurter Bildungs-Exil entschieden haben, setzen andere Kommilitonen die Ausbildung in Frankreich oder den USA fort. Für ihre vor zwölf Jahren gegründete Heimat-Uni, die sich als einzige im autokratisch regierten Belorussland der klassischen europäischen Bildung verpflichtet fühlt, war das Aus trotz jahrelangen politischen Drucks plötzlich gekommen.

Ende Juli hatte die weißrussische Präsidialverwaltung der Hochschule den Mietvertrag gekündigt und sie zur Räumung ihres Gebäudes aufgefordert. Kurz darauf entzog das Bildungsministerium der EHU die Lizenz. Es fehlten geeignete Räumlichkeiten für den Lehrbetrieb, hieß es zur Begründung. Die Behörden legten den etwa 1.000 Studenten einen Wechsel an die staatlichen Universitäten nahe - allerdings gegen hohe Gebühren und nur nach zusätzlichen Prüfungen.

Zumindest die EHU-Studenten des letzten Studienjahres sollen ihre Ausbildung jedoch im westlichen Ausland abschließen können, unter anderem finanziert mit Stipendien des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) und verschiedener Stiftungen. "Unsere Standards waren ähnlich wie in Deutschland", sagt Aliaksandr, der seit wenigen Tagen in den Hörsälen von Frankfurt an der Oder lernt. Der Wechsel in die Bundesrepublik falle ihm deshalb nicht schwer.

An eine staatliche weißrussische Hochschule dagegen habe er nicht gehen wollen, erklärt der Student des Faches Internationale Wirtschaftsbeziehungen. "Bei uns an der EHU wurde eine ganz andere Weltsicht vermittelt als an den staatlichen Unis, die noch immer stark vom Sowjetsystem geprägt sind. Wir aber denken sehr europäisch."

Philosophiestudent Gleb, jetzt ebenfalls an der Frankfurter Viadrina-Uni, bestätigt dies. "An den Staats-Unis bedeutet Philosophie nur Materialismus, aber an der EHU haben wir sämtliche Denker von Habermas bis Derrida behandelt", sagt er.

In der offenen und westlich geprägten, auf Geisteswissenschaften konzentrierten Ausbildung sieht die Bundestagsabgeordnete Uta Zapf den Grund für die Schließung der Minsker Universität. "Das war rein politisch motiviert", kritisiert die stellvertretende außenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzende der deutsch-belarussischen Parlamentariergruppe.

Spätestens seit Lukaschenko vor etwa einem Jahr an allen staatlichen Bildungseinrichtungen den obligatorischen Unterricht seiner national und autoritär geprägten Ideologie eingeführt habe, sei die EHU ein Störfaktor gewesen. "Die Schließung der Uni ist ein schwerer Rückschlag für die akademische Freiheit in Weißrussland", beklagt Zapf.

Morddrohungen gegen Rektor

EHU-Rektor Anatolij Michailow hält sich bereits seit April in den USA auf, nachdem er in seiner Heimat telefonisch Morddrohungen erhalten hatte, die westlichen Beobachtern zufolge ernst zu nehmen waren. Mittlerweile ist in die Minsker Wohnung des Professors eingebrochen worden. Die Diebe entwendeten das Archiv mit Aufsätzen des Philosophen, trotzdem spricht die örtliche Polizei von einem normalen Kriminalfall.

Ganz aufgeben aber will die Leitung der Europäisch-Humanistische Uni nicht. Eine Wiedereröffnung in Minsk halten Experten wie Holger Finken, DAAD-Referatsleiter für Russland und Weißrussland, unter Lukaschenko für unwahrscheinlich. Finken verweist darauf, dass nicht einmal der gemeinsame Protest der EU-Botschafter den Potentaten von der Schließung abhalten konnte.

Deshalb wollen Professoren und Studenten eine "EHU im Exil" gründen. Im Gespräch sind eine Verlagerung nach Litauen oder eine Fern-Uni über das Internet. Trotz ihres Ausweichens nach Deutschland und in andere westliche Länder sollen die Studenten am Ende ihrer Ausbildung einen EHU-Abschluss bekommen. Ihre bisherigen Professoren und Dozenten versuchen die Betreuung via Internet so gut es geht aufrecht zu erhalten.

DAAD-Referatsleiter Finken, dessen Organisation auch einer der Träger des "Institutes für Deutschlandstudien" an der EHU ist, sieht dabei jedoch neue Schwierigkeiten. "Ob den Studenten ein EHU-Abschluss in ihrer Heimat noch anerkannt wird, oder ob sie sogar damit diskriminiert werden, ist noch völlig unklar."

(ap)