Bertelsmann-Studie: Armut wirft Kinder schon im Kita-Alter aus der Bahn

Bertelsmann-Studie: Armut wirft Kinder schon im Kita-Alter aus der Bahn

Kinder aus armen Familien hinken bereits früh hinterher. Laut einer Studie ist die Gefahr sehr hoch, dass sie in ihrer Entwicklung lange vor Beginn der Schule große Defizite aufweisen. In NRW ist jedes fünfte Kind betroffen.

Sie sprechen schlechter deutsch, haben Probleme beim Zählen, können sich schlechter konzentrieren und haben weniger soziale Kontakte: Laut einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hinken viele Kinder, deren Familien von Hartz IV leben, in ihrer Entwicklung bereits im Vorschulalter hinterher. Demnach weisen sie mehr als doppelt so viele Defizite auf wie Altersgenossen aus gesicherten finanziellen Verhältnissen.

Für die Studie werteten das Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) an der Universität Bochum und die Stadt Mülheim an der Ruhr die Daten von knapp 5000 Schuleingangsuntersuchungen aus den Jahren 2010 bis 2013 aus. Bei diesen Tests werden Entwicklungsauffälligkeiten von Kindern erfasst. Dazu gehören die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit, Zahlen- und Mengenvorwissen, Auge-Hand-Koordination, visuelle Wahrnehmung, Sprache und Sprechen sowie Körperkoordination.

Entwicklungsmerkmale von Kindern und Sozialgeld-Bezug in Prozent. Foto: Bertelsmann-Stiftung / ZEFIR 2015

Deutschmängel bei 40 Prozent

Dabei kamen die Forscher zum Ergebnis, dass über 40 Prozent der armutsgefährdeten Kinder nur mangelhaft Deutsch spricht. Geht es den Familien finanziell besser, haben hier nur rund 14 Prozent große Defizite. Ähnlich sieht es bei Problemen mit der Körperkoordination aus (24,5 zu 14,6 Prozent), dem Umgang mit Zahlen (28 zu 12,4) oder Übergewicht (8,8 zu 3,7).

Auffällig ist der Studie nach auch, dass Kinder mit Armutshintergrund kaum Zugriff auf soziale und kulturelle Angebote haben. Nur zwölf Prozent von ihnen lernen ein Instrument. Kinder aus finanziell unabhängigen Familien sind mit 29 Prozent dabei. Auch beim Zugang zu einem Sportverein hinkt die Gruppe mit 46 zu 77 Prozent hinterher.

Jedes fünfte Kind in NRW ist arm

Dabei handelt es sich bei den armutsgefährdeten Kindern nicht um ein Randphänomen: Allein in NRW ist jedes fünfte Kind unter drei Jahren von Kinderarmut betroffen. "Für die Mehrheit der armen sechsjährigen Kinder ist der SGB-II-Bezug auch ein Dauerzustand, der das Aufwachsen bestimmt", heißt es in der Studie weiter.

Sozialquote der unter 3-Jährigen in NRW. Rot markiert sind Städte und Kommunen, in denen 32 bis 39,5 Prozent der Kinder unter Drei aus Familien stammen, die Hartz IV beziehen. Grün gekennzeichnet sind Kommunen mit einer Quote von 9,8 bis 12 Prozent. Foto: Bertelsmann-Studie / ZEFIR 2015

Deutschlandweit wachsen mehr als 17 Prozent der unter 3-jährigen Kinder in Familien auf, die von der staatlichen Grundsicherung leben.

  • 2011: Fünf Fakten zur Kinderarmut in Deutschland

Die Studie hat zwar ganz Mülheim mit seinen sehr unterschiedlichen Quartieren mit sehr niedrigen und sehr hohen Quoten von Hartz-IV-Empfängern in den Blick genommen. Doch Kirsten Witte von der Bertelsmann-Stiftung betont: "Das Ergebnis aus Mülheim lässt sich gut auf ganz Deutschland übertragen."

Kita ist nicht gleich Kita

Laut der Studie kann man einer negativen Entwicklung der Kinder vorbeugen. Als positive Faktoren wirkten sich "ein früher Kita-Besuch sowie sportliche Aktivitäten" aus. "Eine gezielte Ansprache von Familien, ihre Kinder früh in einer Kita betreuen zulassen, wäre eine Möglichkeit, um Kindern präventiv zu helfen", so die Studie.

Denn auch bei der Nutzung frühkindlicher Bildungsangebote bei Hartz-IV-Familien sieht es nicht gut aus: Vor dem dritten Geburtstag gehen nur 31 Prozent der armutsgefährdeten Kinder in eine Kita, bei der andere Gruppe sind es fast 48 Prozent.

Die Studie warnt aber auch davor, den Kita-Besuch als Allheilmittel anzusehen. Denn für die Entwicklung der Kinder ist nicht nur die individuelle Armutslage von Nachteil. Auch das Leben in ärmeren Gegenden oder sozialen Brennpunkten wirkt sich negativ aus.

Somit habe eine Kita nur dann positive Effekte, wenn die Gruppen sozial gemischt sind. Bei Kitas in sozialen Brennpunkten funktioniert das aber nicht. Wenn es einer Kommune nicht gelingt, bei Neuaufnahmen für eine sinnvolle soziale Durchmischung in der Kita zu sorgen, müssen die Ressourcen anders verteilt werden, raten die Autoren. "Kitas in sozialen Brennpunkten brauchen dann mehr Geld, mehr Personal und mehr Förderangebote", sagt Brigitte Mohn vom Vorstand der Stiftung.

Mit Agenturmaterial

(rm)
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