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Inning / Ammersee: Bilder, die den Kopf verdrehen

Inning / Ammersee : Bilder, die den Kopf verdrehen

Der aus Sachsen stammende, international bekannte Maler, Grafiker und Bildhauer Georg Baselitz wird am Dienstag 80 Jahre alt. Immer wieder erregte er mit seiner Kunst Aufsehen - und Anstoß.

Zu den Auffälligkeiten der deutschen Nachkriegskunst zählt es, dass einige ihrer Größten aus der DDR herüberkamen und dann im Westen der Republik ihren Siegeszug antraten. Gerhard Richter stammt aus Dresden und floh 1961 über Berlin nach Düsseldorf. Auch Gotthard Graubner, A. R. Penck und Günther Uecker sprangen aus dem deutschen Osten in die rheinische Freiheit, Sigmar Polke kam aus Niederschlesien über Thüringen nach Willich. Und der demnächst 80-jährige Georg Baselitz - eigentlich hieß er Georg Kern - wechselte aus seiner sächsischen Heimat Deutschbaselitz über Ost- nach West-Berlin. Heute lebt er im oberbayrischen Inning am Ammersee und blickt in Ruhe zurück auf wilde Zeiten.

Warum die Größten der deutschen Nachkriegskunst aus dem Osten kamen, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Sicherlich drängte es sie mehr noch als die Künstler des Westens in die Freiheit. Schließlich saßen sie nach der Zeit des Nationalsozialismus bereits in der zweiten Diktatur fest, dem Kommunismus. Das war kein Ort, die Welt künstlerisch auf den Kopf zu stellen.

Genau das aber wollten die Feuerköpfe von drüben: andere Sichtweisen erproben, provozieren, mit den Zumutungen des frühen 20. Jahrhunderts fertig werden und sich zugleich mit dem geistlosen Konsumdenken des Westens auseinandersetzen.

"Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft", stellte Baselitz fest, "und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen."

Welche Rolle blieb da für einen Künstler? Baselitz machte Störung und Zerstörung zu seinen Themen.

Nachdem er nach nur zwei Semestern wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" von der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Weißensee, Ost-Berlin, geflogen war, siedelte er Mitte der 50er Jahre in den Westen der Stadt über und eckte erneut an. Seine Bilder "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann" standen im Mittelpunkt eines Skandals in der Galerie Werner & Katz, den ein mit dem Galeristen befreundeter Kunstkritiker ausgelöst haben soll. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte beide Bilder wegen Unsittlichkeit.

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"Die große Nacht im Eimer", heute im Besitz des Kölner Museums Ludwig, war insofern anstößig, als sie einen masturbierenden Jungen zeigt. Baselitz selbst bezeichnete später diese Frühphase aus zermanschten Farbtönen als "Pubertätsschlamm".

Anschließend setzte er sich Mitte der 60er Jahre mit den "Helden" des Zweiten Weltkriegs auseinander. Mit grobem Pinselstrich führte er monumentale, verletzte und teilweise entblößte Gestalten vor.

1969 stieß der Maler sein Publikum erneut vor den Kopf: indem er erstmals ein kopfstehendes Motiv malte: "Der Wald auf dem Kopf". Baselitz hatte sein Markenzeichen gefunden. Bis heute gilt er als der Maler, der den Betrachtern umgedrehte Bilder zumutet. Dabei legte er angeblich bereits die Komposition als kopfstehende an, malte auch aus dieser Perspektive und nötigte denen, die ihm das glaubten, hohen Respekt ab. Der Kniff mit dem Kopfstand sollte bewirken, dass das Motiv seine aus der Wirklichkeit abgeleitete Bedeutung verliert, dass eine gegenstandslose Komposition entsteht, die den Blick des Betrachters ausschließlich auf das Zusammenspiel von Form und Farbe lenkt. So zerstört Baselitz Sehgewohnheiten, erschafft zugleich eine neue Harmonie. Zu seinen Vorbildern zählt er Picasso, Giacometti, Beuys und die Expressionisten der "Brücke".

Nicht nur die Kopfstand-Bilder sind in Museen schon von weitem als Werke von Baselitz zu erkennen. Sein Kosmos zeichnet sich durch ein hohes Maß an Grobschlächtigkeit aus: grelle Farben, Menschen wie aus Holz gehauen - Baselitz ist auch Bildhauer -, ein gewisser Primitivismus der Darstellung, wie er zum Beispiel in seinen kopfstehenden "Orangenessern" zutage tritt.

Wer einen Baselitz-Katalog durchblättert, mag zuweilen daran zweifeln, ob Baselitz tatsächlich einer der Großen des 20. und 21. Jahrhunderts ist. Doch Ausstellungsverzeichnis und Standorte der Bilder sprechen für sich. Baselitz nahm mehrfach an der Kasseler Documenta teil, war 1984 bei "Von hier aus" in Düsseldorf dabei und durfte 2004 in der Bonner Bundeskunsthalle seine "Bilder, die den Kopf verdrehen" zeigen. Seine Werke hängen in der Galerie Neue Meister in Dresden ebenso wie in der Wiener Albertina, im Centre Pompidou oder im Duisburger Museum Küppersmühle. Und da Baselitz um seine Kunst stets viel Aufhebens machte, lassen sich auch die bei Auktionen und im Handel erzielten Preise sehen. Für Werke auf Leinwand werden Millionenbeträge verlangt, und selbst einfache Aquarelle sind mit 500.000 Euro ausgezeichnet.

In dieses Bild passt auch Baselitz' Entscheidung, vor zehn Jahren eigene Bilder von früher noch einmal zu malen. Als die Münchner Pinakothek der Moderne die sozialverträglichen Ergebnisse vorstellte, befand die "FAZ" süffisant: "Das eigene Werk sozusagen entkoffeiniert neu zu erfinden beweist Chuzpe, entbehrt aber jener bedingungslosen Radikalität, die zu Baselitz' Profil gehört wie das Gezeter seiner Kritiker." Derlei braucht Baselitz auf der Höhe seines Ruhms nicht zu bekümmern. Er blickt auf ein bizarres Leben zurück und ist von seiner eigenen Bedeutung maßlos überzeugt: "Ich bin Künstler. Ich gebe keine Kommentare zur Geschichte, ich bin ein Teil der Geschichte."

(B.M.)