Miriam Meckel: "Bald telefonieren wir nicht mehr - wir telepathieren"

Miriam Meckel : "Bald telefonieren wir nicht mehr - wir telepathieren"

Die Kommunikationswissenschaftlerin hält das Internet für ein emanzipatorisches Medium. Es müsse aber, sagt sie, von uns gestalten werden.

Frau Meckel, wie viele Facebook-Freunde haben Sie?

Meckel Da muss ich jetzt erst nachschauen - es sind 488, aber davon sind nur wenige enge Freunde, dazu kommt das berufliche Netzwerk in Wissenschaft und Medien, und dann gibt es eine große Zahl von Knotenpunkten, wie wir das in der Netzwerksprache nennen, die nur sehr sporadisch aktiviert werden.

Welchen Wert haben diese Freundschaften? Sind sie echt? Oder haben die sozialen Netzwerke neue Arten von Freundschaften hervorgebracht?

Meckel Sie haben neue Beziehungsformen hervorgebracht. Es gibt Menschen, die in intensivstem Online-Kontakt stehen. Manche haben gar eine virtuelle Liebesbeziehung, aber einander noch nie gesehen. Für eine echte Freundschaft halte ich es für unerlässlich, dass wir uns persönlich begegnen, dass wir miteinander Höhen und Tiefen aushandeln und erleben und im realen Leben Vertrauen aufbauen können.

Verlieren "natürliche" Beziehungen in der realen Welt an Wert - oder haben sie sich verändert?

Meckel Jede Form der Beziehung hat ihren eigenen Ausdruck und ihren eigenen Wert. Die Spielarten sind einfach sehr viel reichhaltiger geworden. Für alle, die sich hier ein Bild von der möglichen Zukunft machen wollen, empfehle ich Spike Jonzes Kinofilm "Her".

Sie selbst sagen von sich, immer zu lesen, immer Informationen aufzusaugen. Ist die Informationsflut im Internet nicht purer Stress?

Meckel Ich bin ein neugieriger Mensch, ich möchte mitbekommen, was in der Welt um mich herum geschieht. Dafür ist das Internet großartig, denn es bietet Informationen unabhängig von räumlichen und zeitlichen Begrenzungen. Auf der anderen Seite fordert uns das Netz heraus; wir müssen lernen, auszuwählen und auch einmal den Stoppschalter zu betätigen. Das ist eine neue Art der Medienkompetenz, die in unsere Gesellschaft Einzug gehalten hat. Ich glaube, wir probieren da im Moment noch sehr viel aus, aber aus der Forschung wissen wir, dass die jüngere Generation, die sogenannten "Digital Natives", damit schon sehr viel selbstverständlicher umgeht als beispielsweise meine Generation.

Ist die ewige Erreichbarkeit Fluch oder Segen?

Meckel Meinem Eindruck nach haben wir uns von dem Dogma der ewigen Erreichbarkeit längst wieder entfernt. Vor etwa zehn Jahren war es megacool, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein. Heute ist es wieder cool, sich auszuklinken. Aber es hat sich auch in der Technologie des mobilen Internets etwas verändert: Durch die Smartphones und Apps, wie WhatsApp oder Threema, sind wir sozusagen immer vernetzt. Wir sind immer online, ohne dass ein Telefon klingeln muss oder wir uns einloggen müssen. Das vernetzte Leben ist für junge Menschen ein natürlicher Zustand geworden.

Ihre Biografie ist proppenvoll von beruflichen Erfolgen, doch kennt die Öffentlichkeit Sie seit 2007 vor allem als Lebenspartnerin von Anne Will. Ist das Private in der digitalen Welt wichtiger als erbrachte Leistungen, um öffentlich interessant zu sein?

Meckel Wenn Sie nur "Bild" und "Bunte" lesen, mag dieser Eindruck stimmen (lacht). Ansonsten gibt es durchaus differenzierte Wahrnehmungen in den Medien und im Internet. Menschen interessieren Menschen, daran ist nichts auszusetzen. Außerdem lerne ich viel über eine Persönlichkeit, wenn ich nicht nur ihre offizielle Seite kenne.

Dominiert in der Informationsflut im Internet nicht das Banale?

Meckel Überhaupt nicht. Ich nutze sehr viel englischsprachige Angebote im Internet, weil dort qualitativ hochwertige Informationen angeboten werden. Neugründungen wie Quarz oder The Intercept bieten großartige Stücke und Hintergrundinformationen. Angebote zur kritischen Diskussion, wie sie etwa der Bildblog für die Medienberichterstattung bietet, lassen sich im Internet mit wenigen Klicks aufsetzen.

Sie nennen das Internet ein emanzipatorisches Medium. Was heißt das?

Meckel Das Internet erlaubt jedem, sich seine eigene Plattform zu schaffen, unabhängig von hierarchischer Position und Anbindung an eine Medienorganisation. Das hat den gesellschaftlichen Diskurs bereichert.

Wie verändern denn die sozialen Netzwerke unser Leben?

Meckel Sie haben uns auf umfängliche und einfache Art ermöglicht, was der Kernantrieb des Menschen ist: sich mit anderen Menschen sozial zu verbinden. Wir wollen uns austauschen und die Meinung anderer erfahren. Das gelingt im Internet leichter als je zuvor.

Was wird aus klassischen Medien wie der Zeitung in der digitalen Zeit; sind sie anachronistisch oder wichtig?

Meckel Wichtig ist, dass Zeitungsverlage endlich aufhören, sich als Vertreter der Papierindustrie zu positionieren. Ihr wertvolles Gut ist nicht das Papier, das bedruckt wird, sondern der professionell recherchierte und bearbeitete journalistische Inhalt. Nachdem viele Medienhäuser fast 20 Jahre ihre Produkte kostenlos ins Netz gestellt haben, hat nun ein Umdenken begonnen. Ich bin inzwischen zuversichtlich, dass es gelingen wird, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und auch im Netz eine Zahlungsbereitschaft für guten Journalismus zu etablieren. Und noch etwas: In der Informationsflut, die heute über das Internet auf uns zukommt, halte ich es für möglich, dass der Bedarf nach einem gebündelten journalistischen Angebot, als gedruckte Zeitung oder als E-Paper, sogar steigt.

Sie selbst können ab dem 1. Oktober dazu beitragen, wenn Sie Chefredakteurin der Wirtschaftswoche werden. Wie hilft dabei Ihr wissenschaftlicher Hintergrund?

Meckel Mein Team und ich arbeiten an der Uni St. Gallen seit Jahren in Forschung und Praxis im Feld der Digitalisierung und Innovation im Journalismus, auch in Kooperation mit Verlagen und anderen Medienunternehmen. Derzeit gibt es nichts Spannenderes als die Digitalisierung und Vernetzung der Welt. Für den Journalismus bringt das viele Gestaltungsmöglichkeiten. Ich freue mich darauf, wieder einen Schritt zurück zu meinen journalistischen Wurzeln zu machen.

Wie wird sich nach Ihrer Einschätzung die digitale Kommunikation in den nächsten zehn Jahren entwickeln und auswirken?

Meckel Das Internet wird nicht wieder weggehen, wir sollten es also gestalten, und zwar so, dass es nicht zur alleinige Spielwiese von Google, Facebook, Amazon oder gar der NSA wird. Ansonsten glaube ich, dass wir in einer Entwicklung stecken, in der die Gegenwart immer schon wieder halb Vergangenheit ist. Anders gesagt: Die nächsten technischen Neuerungen stehen vor der Tür. Dazu gehören die Vernetzung unserer materiellen Umwelt mit dem Internet, also die kommunizierende Kaffeemaschine und das selbstfahrende Auto, aber auch die Vernetzung des menschlichen Körpers. Ich vermute, es wird noch etwa zehn Jahre dauern, bis wir mit Prototypen von Haut- oder Hirnimplantaten experimentieren. Dann telefonieren wir nicht mehr, sondern wir telepathieren.

KARSTEN KELLERMANN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)