Baby nach Chemotherapie

Baby nach Chemotherapie

Als ob die Diagnose Krebs nicht schlimm genug wäre: Bei manchen Krebsarten kann durch Chemotherapie die Fruchtbarkeit der Frau leiden. In Erlangen wurde jetzt ein Kind geboren, dessen Mutter eigentlich unfruchtbar war.

Erlangen Heute kann Sandra G. wieder lachen, wenn sie auf die vergangenen vier Jahre zurückblickt. Sie sei "unendlich dankbar", sagt sie und trägt ihre kleine Tochter im Arm. Drei Wochen ist Isabell alt, nicht nur in den Augen der Eltern etwas Besonderes. Nur 13 andere Kinder auf der Welt haben eine Geschichte wie Isabel, gezeichnet von der schweren Erkrankung der Mutter und dem Geschick der Ärzte an der Frauenklinik der Uni Erlangen auch Krebspatienten einen Kinderwunsch zu erfüllen – Dank der Implantation von Eierstockgewebe.

Es war im Juli 2011 als Sandra G. ihre zweite bittere Diagnose von den Ärzten bekam. Operation, Bestrahlung, Chemotherapie hatte sie überstanden, den Brustkrebs besiegt – doch dabei ihre Fruchtbarkeit verloren. Die damals 31-Jährige hatte massive Wechseljahresbeschwerden. Die Laboranalyse ergab, dass die Eierstöcke nach der Chemotherapie ohne Funktion waren. "Ich dachte nur: das ist nicht fair", erinnert sich Sandra G. an diesen Tag. Sie hat immer Optimismus bewahrt. "Wer den Krebs überstanden hat, sieht die Dinge in einer anderen Relation", sagt sie heute, "für mich war klar: Wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt, werde ich daran nicht verzweifeln."

Doch immerhin hatte Sandra G. eine Alternative – das ist nicht selbstverständlich. "Manche Frauen werden bei einer anstehenden Chemotherapie nicht gut beraten", sagt Ralf Dittrich, wissenschaftlicher Leiter der Reproduktionsmedizin in Erlangen. Er meint damit nicht die Therapie selbst, sondern den Hinweis auf mögliche Verfahren um das Risiko der Unfruchtbarkeit zu verringern. Bei der Behandlung von Brustkrebs und dem Hodgkin-Lymphon ist diese hoch. Männer haben es meist leichter, ihre Samenspenden werden eingefroren. Wenn Frauen genug Eizellen spenden wollen, müssten sie vor der Chemo noch eine Hormonbehandlung machen. Und pro Jahr erkranken in Deutschland rund 17 000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren an Krebs.

Die Entnahme von Eierstockgewebe durch eine Bauchspiegelung gibt dort Hoffnung. Der Hinweis auf dieses Verfahren sei für sie "in diesen schweren Zeiten ein Strohhalm gewesen, an dem ich mich mit Blick auf die Zukunft festhalten konnte", erinnert sich Sandra G.

Den relativ unkomplizierten Eingriff beherrschen bundesweit viele Krankenhäuser und Krebszentren. Das Gewebe wird dann transportiert und schonend tiefgefroren, etwa in Bonn, Hamburg oder eben in Erlangen. Dieser komplizierte Prozess verlange – so wie später das Auftauen – viel Erfahrung, erklärt Ralf Dittrich. Im Fall von Sandra G. lag das Gewebe fast drei Jahre gekühlt bei minus 178 Grad. Bei dieser Temperatur erreicht es eine Art Ruhephase, ohne zu altern.

"Wir empfehlen das Gewebe nur dann einzupflanzen, wenn die Eierstöcke geschädigt wurden, aber wirklich ein Kinderwunsch besteht", sagt Dittrich. Dann wird das Eierstockgewebe laparoskopisch in die Beckenwand eingesetzt. "Meistens bleibt es danach ein oder zwei Jahre aktiv", beschreibt der Professor die Erfolgsraten. Für eine längere Wiederherstellung des Hormonhaushalts der Frau komme es deshalb aber noch nicht infrage. Bei einer Frau in Dänemark arbeite das Gewebe immerhin schon sieben Jahre. "Sie hat schon zwei Kinder bekommen." Dittrich ist überzeugt, dass die Aktivität des Gewebes durch Verbesserung des Verfahrens bald verlängert werden kann. "Wir lernen jedes Mal dazu," sagt er.

Sandra G. ist die erste Deutsche, die auf diesem Weg durch normale Zeugung ein Kind bekommen konnte: "Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen." Eine Garantie für Nachwuchs gibt es natürlich nicht. "Die Chancen der Patientinnen schwanger zu werden, stehen genauso gut oder schlecht wie bei jeder gesunden Frau", sagt Matthias W. Beckmann, Direktor der Frauenklinik in Erlangen. "Die Erfolge zeigen aber, dass es möglich ist, die Eierstockfunktionen von Krebspatientinnen wiederherzustellen", sagt der Professor. Und Sandra G. lächelt.

(RP)
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