Düsseldorf: Alzheimer-Gefahr durch Stromtrassen?

Düsseldorf: Alzheimer-Gefahr durch Stromtrassen?

Für die Energiewende müssen 3800 Kilometer neue Hochspannungsleitungen in Deutschland gebaut werden. Landesweit formieren sich Bürgerinitiativen, die negative gesundheitliche Auswirkungen fürchten: mehr Leukämie, mehr Alzheimer. Doch die wissenschaftliche Basis für solche Anfeindungen ist dünn.

Der Protest formiert sich: Bürgerinitiativen machen gegen neue Stromtrassen mobil. Ein wesentliches Geheimnis der Angst vor Strahlung ist die mangelnde Sichtbarkeit der Bedrohung.

Die Gegner von Hochspannungsleitungen greifen deshalb gern zu einem Bauerntrick: Sie zeigen ein Video mit Menschen, die mit einer alten Neonröhre in der Hand unter einer Hochspannungsleitung stehen – und die Röhren beginnen zu leuchten. Hier wird wirklich die Kraft der elektrischen Felder sichtbar, die ohne Zweifel von den Hochspannungstrassen ausgehen. Doch als Beweis für gesundheitliche Beeinträchtigung taugt das durchaus beeindruckende Experiment nicht: Denn es bedarf der ausreichenden Nähe zur Stromleitung, sonst bleibt die Neonröhre dunkel.

Ebendas ist eine besondere Eigenschaft der elektromagnetischen Felder: Ihre Kraft verringert sich im Quadrat zur Entfernung – wer den Abstand zur Strahlungsquelle verzehnfacht, erfährt nur noch ein Hunderstel der Kraft des Feldes. Wenn möglich, sollten die neuen Stromtrassen deshalb mindestens 400 Meter von Wohnbebauung entfernt verlaufen. Eine Forderung, die in manchen Regionen Deutschlands wegen der dichten Besiedlung nicht umzusetzen ist oder den Bau der Stromtrassen durch Wälder oder Naturschutzgebiete erzwingt.

Unstrittig und gut untersucht ist, dass ein externes elektromagnetisches Feld den menschlichen Körper beeinflusst. Wenn es groß genug ist, sorgt es dafür, dass der eigene Körperstrom verändert wird. Das weiß man von Untersuchungen wie beispielsweise dem EKG am Herzen und dem EEG am Gehirn. Die Wissenschaftler haben zwar noch nicht verstanden, nach welchem Mechanismus dabei Schäden entstehen können, aber sie sind überzeugt, dass es einen Grenzwert gibt, unter dem der Einfluss ohne Folgen bleibt.

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Um das Risiko zu minimieren, fordert das Bundesamt für Strahlenschutz, "sollten die Netzbetreiber beim Bau von Leitungen die technischen Möglichkeiten zur Verringerung der elektromagnetischen Felder ausschöpfen". Ganz einfach verbirgt sich hinter dieser allgemeinen Aussage: Wenn die Entfernung zur Wohnbebauung zu gering ist, lässt sich die Höhe der Masten anpassen oder der Abstand der Leiterseile zueinander; physikalisch schon schwieriger zu erklären ist die so genannte Phasenbelegung, deren Veränderung aber ebenfalls deutliche Auswirkungen auf die Stärke der elektromagnetischen Felder hat.

Einen Anspruch darauf hat der zukünftige Nachbar einer Hochspannungstrasse allerdings nicht, doch die regionalen Genehmigungsbehörden können entsprechende Auflagen machen.

Bisher sind die möglichen gesundheitlichen Folgen wie das vermehrte Auftreten von Leukämie nur durch statistische Erkenntnisse belegt, an deren Wert durchaus gezweifelt werden darf. 14 Studien wollen zudem eine erhöhte Zahl an Alzheimer-Erkrankungen bei Menschen ausgemacht haben, die in der Nähe von Hochspannungsleitungen gearbeitet haben. Doch die Zahl der Studienteilnehmer sei zu gering, argumentiert das Bundesamt für Strahlenschutz, zudem hatten die Betroffenen sehr geringen Abstand zur Hochspannung und waren damit bekanntermaßen sehr intensiven elektromagnetischen Feldern ausgesetzt. Für das vermehrte Auftreten von ALS gelten die gleichen Anmerkungen. Eine umfassende Studie der Universität Mainz zu diesem Thema soll Ende 2012 vorliegen.

Viel konkreter ist die Lärmbelästigung durch Hochspannung: durch Entladung an den Leitungen entstehen häufig Geräusche, meist ein Knistern oder ein brummender Dauerton. Weil dabei viel Energie zur Verfügung steht, bilden sich Ozon und Stickoxide. Deren Konzentration ist allerdings viel zu niedrig für gesundheitliche Beeinträchtigungen – das dauerhafte Brummen kann jedoch nervig sein.

(RP)
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